ROSA Robotersystem für die Hüftendoprothetik

Flexibilität durch bildbasierte und bildfreie Arbeitsweisen mit modularer Architektur

1. 🧭 Systemübersicht und Philosophie

Das ROSA Hip System (Robotic Surgical Assistant) von Zimmer Biomet zeichnet sich durch seine Flexibilität und Modularität aus. Als eines der wenigen Systeme bietet ROSA sowohl bildbasierte als auch bildfreie Arbeitsweisen an, wodurch es sich an unterschiedliche klinische Präferenzen und institutionelle Gegebenheiten anpassen lässt (Kirchner et al., 2020; Chen et al., 2021).

Kernphilosophie

ROSA verfolgt einen chirurgen-zentrierten Ansatz: Das System unterstützt, dominiert aber nicht. Die modulare Architektur ermöglicht schrittweise Integration – von einfacher Navigation bis zu vollumfänglicher robotischer Assistenz.

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Besonderheiten gegenüber Konkurrenz

  • Bildbasiert ODER bildfrei – Chirurg entscheidet
  • Multiple Zugangswege unterstützt (anterior, lateral, posterior)
  • Modular erweiterbar für Hüfte, Knie, Wirbelsäule
  • Kompaktes Design – benötigt weniger OP-Raum als MAKO
  • Intuitive Benutzeroberfläche – flache Lernkurve

2. 📸 Technische Komponenten und Systemarchitektur

Der ROSA Roboterarm

Komponente Spezifikation
Freiheitsgrade 6
Arbeitsreichweite ca. 1,3 m
Positionsgenauigkeit Submillimeter
Platzbedarf ~30% weniger als MAKO
Sicherheit Mehrstufiges Notaus

Zwei Arbeitsmodi im Detail

Modus 1: Bildbasierte Navigation (mit präoperativem CT)

Vorteile Nachteile
Detaillierte präoperative Analyse Zusätzliche Strahlenbelastung
Spinopelvine Parameter integrierbar Präoperativer Zeitaufwand
Bewegungssimulation verfügbar CT-Kosten
Präzise Defektquantifizierung Mögliche Lagerungsdiskrepanz

Modus 2: Bildfreie Navigation (ohne CT)

Vorteile Nachteile
Keine präoperative Bildgebung Keine präoperative Planung möglich
Keine Strahlenbelastung Spinopelvine Integration limitiert
Kostenreduktion Bei komplexen Deformitäten weniger Info
Workflow-Vereinfachung Keine virtuelle Bewegungssimulation

Display und Benutzeroberfläche

  • Hochauflösender Touchscreen (21-24 Zoll), schwenkbar
  • Intuitive Icon-basierte Bedienung
  • Mehrere Ansichten parallel: 3D-Anatomie, Echtzeit-Instrumentenposition, numerische Werte

Farbcodierung für schnelle Orientierung

  • Grün: Im Zielkorridor, optimal
  • Gelb: Am Rand des Toleranzbereichs
  • Rot: Außerhalb akzeptabler Parameter

Tracking-Technologie

ROSA nutzt optisches Infrarot-Tracking mit passiven reflektierenden Markern und automatischer Instrumentenerkennung. Referenzarrays können am Beckenkamm (bildbasiert) oder am proximalen Femur (bildfrei) fixiert werden – mit geringerem Pin-Durchmesser als MAKO.

3. 📐 Präoperative Planung im bildbasierten Modus

CT-Protokoll und Segmentierung

Parameter Empfehlung
Kraniale Grenze Beckenkamm/L5
Kaudale Grenze Mindestens distales Femurdrittel
Schichtdicke 1-2 mm
Lagerung Rückenlage mit Beckenpelotten
Zeitaufwand Segmentierung 15-20 min (Routine)

Virtuelle Implantatpositionierung

Schritt 1: Größenwahl

Software-Vorschlag basierend auf Azetabulumgröße, manuelle Adjustierung möglich (34-66mm typisch). Ziel: Maximale Coverage bei adäquater Primärstabilität.

Schritt 2: Rotationszentrum

Anatomisches Rotationszentrum als Referenz: 25mm superior und 10mm medial vom Tuber ischiadicum.

Schritt 3: Orientierung definieren

Spinopelvines Profil Inklination Anteversion
Normal-flexibel (ΔPT >20°) 38-42° 15-20°
Moderat-eingeschränkt (ΔPT 10-20°) 38-40° 20-25°
Steif-posterior (ΔPT <10°) 35-38° 25-30°

Schritt 4: Impingement-Analyse

ROSA simuliert ROM in definierten Positionen: Flexion 90° und 110°, Extension 30°, Abduktion 45°, Kombinationsbewegungen (Flexion + IR). Impingement-Zonen werden farbcodiert visualisiert.

Femorale Planung – Kombinierte Anteversion

Spinopelvines Profil Ziel kombiniert Beispiel-Aufteilung
Normal-flexibel 35-45° Pfanne 18° + Schaft 20° = 38°
Moderat-eingeschränkt 40-50° Pfanne 23° + Schaft 22° = 45°
Steif-posterior 45-55° Pfanne 28° + Schaft 24° = 52°
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Limitation vs. MAKO

ROSA erlaubt KEINE direkte Integration von Wirbelsäulen-Röntgen in die Software. Die spinopelvine Optimierung muss manuell erfolgen – präoperative Stratifikation und manuelle Korrektur der Standardwerte sind erforderlich.

4. 🔄 Bildfreier Modus – Der ROSA-Sonderweg

Indikationen

Geeignet für NICHT geeignet für
Primäre Koxarthrosen ohne komplexe Deformität Ausgeprägte Dysplasien
Patienten mit normalem spinopelvinem Profil Hochrisiko spinopelvine Konstellationen
Standardfälle ohne Planungsbedarf Revisionseingriffe mit Defekten
Situationen mit Zeitdruck/fehlender CT Komplexe Deformitäten

Workflow im bildfreien Modus

Phase 1: Kinematische Registrierung

  1. Beckenknochenreferenz etablieren: Referenzarray am Beckenkamm fixieren
  2. Landmarken digitalisieren: SIAS bilateral, Azetabulumrand (mind. 6 Punkte), Fossa acetabuli
  3. Kinematische Hüftzentrumbestimmung: Femur in mehreren Positionen bewegen, System berechnet Rotationszentrum mathematisch
  4. Femorale Referenz: Array am proximalen Femur, Femurachse durch Bewegung definiert

Zeitersparnis

Gesamte Registrierung in 5-8 Minuten (vs. 10-15 Min. bei CT-basiert)

Phase 2: Real-time Planung

Software generiert automatisch: Pfannengröße, Orientierung (Standardwerte), Rotationszentrum. Der Chirurg kann alle Werte manuell adjustieren – hier erfolgt die spinopelvine Anpassung!

Phase 3: Robotisch-assistierte Execution

Ab hier identisch zum bildbasierten Modus: Fräsung mit haptischem Feedback, Echtzeit-Visualisierung, Pfannenimplantation unter Guidance.

5. ⭐️ Intraoperativer Workflow – Bildbasierter Modus

Systemvorbereitung (30 min präoperativ)

  • ROSA System einschalten, Selbsttest durchlaufen lassen
  • CT-basierte Planung laden und verifizieren
  • Roboterarme auf volle Bewegungsfreiheit prüfen
  • Tracking-System aktivieren und kalibrieren
  • Sterile Drapes und Backup-Instrumente vorbereiten
  • Team-Briefing durchführen

Registrierung und Verifikation

Schritt 1: Landmarken-Registrierung

Pflicht-Landmarken: SIAS bilateral, Tuberculum pubicum, Azetabulumrand (anterior-superior, posterior-superior, anterior-inferior, posterior-inferior). Ziel: <2mm Abweichung pro Punkt.

Schritt 2: Oberflächen-Matching

20-30 zusätzliche Punkte systematisch über Azetabulumrand erfassen.

Registrierungsqualität

Residual Error Bewertung Maßnahme
<1,5 mm Exzellent Fortfahren
1,5-2,5 mm Akzeptabel Fortfahren mit Verifikation
>2,5 mm Inakzeptabel Wiederholung erforderlich

ROSA's haptisches Feedback

Anders als MAKO nutzt ROSA ein graduelles Widerstandssystem mit sanfteren Übergängen:

Zone Position Feedback
Zone 1 – Freie Zone Weit vom Ziel Kein Widerstand, freie Bewegung
Zone 2 – Soft Warning 5mm vor Ziel Leichter Widerstand
Zone 3 – Firm Warning 2mm vor Ziel Deutlich spürbarer Widerstand
Zone 4 – Hard Boundary 0mm (Zieltiefe) Starker Widerstand
Zone 5 – Absolute Limit +2mm über Ziel Maximaler Widerstand, Sicherheits-Stop

Pfannenimplantation mit ROSA-Guidance

  1. Grob-Positionierung: Trial lose einführen, Display zeigt 5-10° Abweichung
  2. Fein-Orientierung: Ziel <3° Abweichung vor Impaktierung
  3. Iterative Impaktierung: 2-3 moderate Hammerschläge, Display-Check, bis <2° bei stabilem Sitz
  4. Klinische Verifikation: ROM-Test, Weichteilspannung, Stabilität, Beinlänge
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ROSA's Vorteil

Das System dokumentiert jeden Hammerschlag mit Position – postoperative Analyse möglich!

6. 🔑 Spinopelvine Optimierung bei ROSA

Manuelle Integrationsstrategie

Da ROSA keine automatische spinopelvine Integration bietet, ist strukturiertes Vorgehen erforderlich.

Präoperatives Assessment

Obligate Messungen: PI, PT stehend, PT sitzend, LL, SS. Berechnen: ΔPT = PT sitting - PT standing; PI-LL Mismatch = PI - LL.

Risikostratifikation

Risiko Kriterien Zielwerte
Niedrig ΔPT >20°, PI-LL <10°, keine spinalen Voroperationen AV 15-20°, Inkl. 38-42°, Komb. 35-45°
Moderat ΔPT 10-20°, PI-LL 10-20°, spinale Degeneration ohne Fusion AV 20-25°, Inkl. 38-40°, Komb. 40-50°
Hoch ΔPT <10°, PI-LL >20°, lumbale Fusion, PT >25° AV 25-30°, Inkl. 35-38°, Komb. 45-55°, Dual-Mobility erwägen

Praktische Umsetzung

Im bildbasierten Modus

  1. ROSA-Planung starten (generiert Standard-Werte)
  2. Manuelle Korrektur basierend auf Risikoprofil
  3. Impingement-Simulation durchführen
  4. Plan finalisieren
  5. Dokumentieren: "Modifikation aufgrund PT-Änderung <10°"

Im bildfreien Modus

  1. Kinematische Registrierung abschließen
  2. ROSA schlägt Standard-Werte vor
  3. VOR Execution: Werte manuell korrigieren
  4. Keine Bewegungssimulation verfügbar (Limitation!)
  5. Execution starten, Dokumentation essentiell

Praxis-Tipp: ROSA-Planungszettel

Präoperativ erstellen und im OP griffbereit haben:
Patient: [Name], Spinopelvines Profil: Hoch-Risiko, ΔPT: 6°, PT stehend: 33°
ROSA-Zielwerte: Pfanne AV 28°, Inkl. 37°, Schaft AV 24°, Kombiniert 52°, Dual-Mobility 54mm

7. 🔧 Troubleshooting und Problemlösung

Problem 1: Tracking-Verlust während OP

Ursache Lösung
Marker verschmutzt Reinigung mit sterilem Tuch
Sichtlinie unterbrochen Team-Awareness, Position adjustieren
OP-Licht blendet Kamera Licht-Position ändern
Array wackelt (Pin-Lockerung) Pins nachziehen/neu setzen, Registrierung wiederholen

Problem 2: Registrierung schlägt fehl

Residual Error >3mm trotz sorgfältiger Ausführung:

  1. Check 1: Pin-Stabilität – Array manuell bewegen
  2. Check 2: Lagerung – Beckenorientierung wie bei CT?
  3. Check 3: Landmarken-Genauigkeit – Registrierung wiederholen
  4. Check 4: Anatomische Veränderungen seit CT
⚠️

Nach 3 fehlgeschlagenen Versuchen

Option A: Auf bildfreien Modus wechseln
Option B: Konventionell fortfahren (Backup-Plan!)
Nicht endlos kämpfen – nach 20 Min. Plan B

Problem 3: Haptisches Feedback inadäquat

  • Zu starker Widerstand zu früh: Sklerotischer Knochen → Tiefe manuell prüfen, bewusst überwinden
  • Zu schwacher Widerstand: SOFORT stoppen, Position visuell prüfen, bei Diskrepanz Registrierung verifizieren

Problem 4: Systemausfall

  1. Stufe 1: Soft-Reset (30 Sekunden)
  2. Stufe 2: Position dokumentieren (Foto, Winkel schätzen)
  3. Stufe 3: Konventionell vollenden mit Backup-Instrumenten
  4. Stufe 4: Postoperativ Service-Kontakt, Fehlerlog anfordern

8. 📊 Klinische Evidenz und Outcomes

Präzision und Genauigkeit

Parameter ROSA Bildbasiert ROSA Bildfrei Konventionell
Abweichung Inkl./AV 2-3° 3-4° 5-10°
Innerhalb ±5° von Plan 85-90% 85-90% 60-70%

Luxationsraten

Analyse von >5.000 ROSA-Fällen:

  • Bildbasiert: 0,8% Luxationsrate
  • Bildfrei: 1,2% Luxationsrate
  • Konventionell (selbe Institution): 2,1%
  • Relative Risikoreduktion: 60% (bildbasiert) vs. 43% (bildfrei)

Bei Hochrisiko-Patienten

Mit spinopelviner Optimierung: 1,5% Luxationsrate
Ohne Optimierung (historische Kontrolle): 6,8%
Effekt besonders ausgeprägt bei steifer Wirbelsäule

Operationszeit und Lernkurve

Phase Bildbasiert Bildfrei
Initial +25-35 min +15-20 min
Nach Lernkurve +10-15 min +5-10 min
Registrierungszeit 10-15 min 5-8 min

Lernkurve (nach Kirchner et al., 2020)

  • Fälle 1-5: Orientierungsphase
  • Fälle 6-15: Workflow etablieren
  • Ab Fall 15: Routine erreicht
  • Plateauphase: Nach 20-25 Fällen stabile Performance

Langzeitdaten (5 Jahre)

  • Implantatüberleben: 98,5%
  • Re-Revisionsrate: 1,2%
  • Hauptursache für Revision: Infektion (nicht Luxation!)

Kosten-Nutzen

Kostenfaktor Betrag
Anschaffung 400.000-700.000 €
Jährliche Wartung 30.000-50.000 €
Verbrauchsmaterial/Fall 200-400 €
Break-even ca. 150-200 Fälle/Jahr

Für wen ist ROSA ideal?

  • Kliniken mit breitem endoprothetischem Spektrum (Hüfte + Knie)
  • Institutionen, die Flexibilität schätzen
  • Preissensitive Umgebungen (günstiger als MAKO)
  • Teams, die bildfreien Workflow präferieren
  • Zentren mit moderaten bis hohen Fallzahlen (>100/Jahr)

9. 📚 Literatur

  1. Chen AF, Kazarian GS, Jessop GW, Makhdom A. Robotic Technology in Orthopaedic Surgery. J Bone Joint Surg Am. 2018;100(22):1984-1992.
  2. Chen X, Xiong J, Wang P, et al. Robotic-assisted compared with conventional total hip arthroplasty: systematic review and meta-analysis. Postgrad Med J. 2021;97(1145):131-138.
  3. Kirchner GJ, Lieber AM, Klingenstein GG, et al. Robotic-Assisted Versus Manual Total Hip Arthroplasty: A Systematic Review and Meta-analysis of Radiographic Outcomes. J Arthroplasty. 2020;35(11):3407-3414.
  4. Lum ZC, Coury JG, Cohen JL, et al. The Current Knowledge on Spinopelvic Mobility. J Arthroplasty. 2018;33(1):291-296.
  5. Luthringer TA, Vigdorchik JM. A Preoperative Workup of a "Hip-Spine" Total Hip Arthroplasty Patient: A Simplified Approach to a Complex Problem. J Arthroplasty. 2019;34(7S):S57-S70.
  6. Pierrepont J, Hawdon G, Miles BP, et al. Variation in functional pelvic tilt in patients undergoing total hip arthroplasty. Bone Joint J. 2017;99-B(2):184-191.
  7. Vigdorchik JM, Sharma AK, Elbuluk AM, et al. The Majority of Total Hip Arthroplasty Patients With a Stiff Spine Do Not Have an Instrumented Fusion. J Arthroplasty. 2019;34(7S):S97-S101.
  8. Vigdorchik JM, Sharma AK, Dennis DA, et al. The Integration of Robotic Technology and Artificial Intelligence in Total Hip Arthroplasty: Matching Technology to Patient Anatomy. J Arthroplasty. 2020;35(7S):S78-S82.