Rheumatische Erkrankungen und Spinopelvines Alignment

Spinopelvine Besonderheiten bei rheumatoider Arthritis, Spondylarthropathien und ihre Implikationen für die Hüftendoprothetik

1. 🔬 Einleitung

Rheumatische Erkrankungen stellen eine besondere Herausforderung für die Hüftendoprothetik dar. Neben den bekannten systemischen Komplikationen (Infektionsrisiko, Knochenqualität, Medikamentenmanagement) rückt zunehmend die spinopelvine Dynamik in den Fokus. Insbesondere die Spondylarthropathien mit axialer Beteiligung führen zu charakteristischen Veränderungen der Wirbelsäulen-Becken-Biomechanik.

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Relevanz für die HTEP

Die Kombination aus spinopelviner Steifigkeit und Hüftgelenkbeteiligung bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen führt zu einem signifikant erhöhten Dislokationsrisiko. Das Verständnis der krankheitsspezifischen spinopelvinen Veränderungen ist essentiell für die präoperative Planung.

Krankheitsspektrum

Diese Übersicht behandelt die spinopelvinen Implikationen folgender Erkrankungen:

  • Rheumatoide Arthritis (RA): Systemische Entzündung mit HWS-Instabilität
  • Spondylitis ankylosans (AS): Axiale Beteiligung mit Wirbelsäulenversteifung
  • Psoriasis-Arthritis (PsA): Variables Spektrum mit potenzieller axialer Beteiligung
  • Andere Spondylarthropathien: Reaktive Arthritis, Enteropathie-assoziierte Arthritis

2. 🦠 Rheumatoide Arthritis

Spinale Manifestationen

Die RA betrifft typischerweise die obere Halswirbelsäule und kann zu erheblicher Instabilität führen:

Manifestation Prävalenz Mechanismus
Atlantoaxiale Subluxation (AAS) bis 49% Erosive Synovitis, Zerstörung des Lig. transversum
Kraniales Settling (CS) bis 38% Erosion der okzipitoatlantalen Gelenke
Subaxiale Subluxation (SAS) ca. 20% Facettengelenk- und Diskusdestruktion
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Wichtiger Zusammenhang

Patienten mit schwerer Gelenkbeteiligung der unteren Extremität sind besonders anfällig für HWS-Instabilität. In einer Studie hatten 82 von 101 RA-Patienten nach Gelenkersatz der unteren Extremität eine nachweisbare zervikale Instabilität. Die Beteiligung großer Gelenke (Hüfte, Knie) korreliert signifikant mit dem Ausmaß der HWS-Pathologie.

Anästhesiologische Implikationen

Die HWS-Instabilität hat direkte Konsequenzen für die Narkoseführung:

  • Präoperatives HWS-Röntgen: Funktionsaufnahmen in Flexion/Extension obligat bei langjähriger RA
  • AADI (Anterior Atlanto-Dental Interval): > 3mm pathologisch, > 9mm Myelopathierisiko
  • PADI (Posterior Atlanto-Dental Interval): < 14mm = hohes Risiko für neurologische Komplikationen
  • Fiberoptische Intubation: Bei nachgewiesener Instabilität erwägen

Spinopelvine Dynamik bei RA

Im Gegensatz zu den Spondylarthropathien betrifft die RA primär die HWS und nicht die lumbopelvine Region. Die spinopelvine Mobilität ist daher bei isolierter RA oft erhalten. Jedoch:

  • Sekundäre degenerative Veränderungen der LWS durch jahrelange Steroidtherapie
  • Osteoporose mit Wirbelkörperfrakturen → Kyphosierung
  • Muskelatrophie durch Inaktivität → reduzierte posturale Kontrolle

3. 🦴 Spondylitis ankylosans

Die Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) stellt aufgrund der charakteristischen Wirbelsäulenversteifung die größte Herausforderung für die spinopelvine Balance dar.

Pathophysiologie

Die chronische Entzündung führt zu:

  • Syndesmophytenbildung: Verknöcherung der Anulus-fibrosus-Fasern
  • Bambusstab-Wirbelsäule: Komplette Fusion der Bewegungssegmente
  • Thorakolumbale Kyphose: Verlust der lumbalen Lordose
  • Fixierte posteriore Beckenkippung: Kompensation der Kyphose

Spinopelvine Charakteristika

Parameter AS-Population Normalpopulation
Sacral Slope (stehend) 25,5° (↓) ~40°
Pelvic Tilt Erhöht (posterior) Normal
ΔSS (Stehen → Sitzen) < 10° (steif) 10-30°
Lumbar Lordosis Reduziert bis aufgehoben Normal

Spinopelvine Mobilitätsmuster bei AS

Die reduzierte spinopelvine Mobilität führt zu charakteristischen Mustern:

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"Stuck Sitting" – Das dominante Muster bei AS

In einer Studie mit 58 AS-Patienten nach HTEP zeigten 63,8% (37/58) ein "Stuck Sitting"-Muster (SS < 30° sowohl im Stehen als auch im Sitzen). Diese Patienten haben ein erhöhtes Risiko für posteriores Impingement und anteriore Dislokation.

  • Stuck Sitting (63,8%): Steife Wirbelsäule in posteriorer Beckenkippung → Risiko für anteriore Dislokation
  • Stuck Standing (6,9%): Selten bei AS, Wirbelsäule fixiert in anteriorer Beckenkippung → Risiko für posteriore Dislokation
  • Spine Stiffness in Extension (10,8%): 4 von 37 "Stuck Sitting"-Patienten zeigten zusätzlich Extensionssteifigkeit

Hüftbeteiligung bei AS

Die Hüftgelenke sind bei AS häufig betroffen:

  • Prävalenz: Bis zu 50% der AS-Patienten entwickeln Hüftbeteiligung
  • Charakteristik: Frühzeitige Ankylose, oft bilateral
  • Junges Alter: Durchschnittsalter bei HTEP ca. 37 Jahre (deutlich jünger als bei primärer Koxarthrose)

Dislokationsrisiko bei AS nach HTEP

Zeitraum Relatives Risiko (vs. Kontrolle) Signifikanz
90 Tage 1,44 (95% CI: 0,93-2,22) Trend
2 Jahre 1,67 (95% CI: 1,25-2,23) p < 0,05
Gesamt-Follow-up 1,49 (95% CI: 1,14-1,93) p < 0,05

Quelle: Blizzard et al. 2017, J Arthroplasty

4. 🩺 Psoriasis-Arthritis

Klinisches Spektrum

Die Psoriasis-Arthritis zeigt ein heterogenes Erscheinungsbild mit verschiedenen Phänotypen:

  • Asymmetrische Oligoarthritis
  • Symmetrische Polyarthritis (RA-ähnlich)
  • DIP-Gelenkbefall
  • Arthritis mutilans
  • Axialer Befall (Spondylitis) – bei etwa 20-40% der Patienten

Spinopelvine Implikationen

Das spinopelvine Risikoprofil der PsA liegt zwischen RA und AS:

  • Ohne axialen Befall: Spinopelvine Mobilität meist erhalten, ähnlich wie bei primärer Koxarthrose
  • Mit axialem Befall: Steifigkeit ähnlich (aber meist milder) wie bei AS

Komplikationen nach HTEP bei PsA

Eine Metaanalyse zeigt spezifische Risiken:

Komplikation PsA vs. Arthrose
Akutes Nierenversagen Erhöht
Schlaganfall Erhöht
Dislokation Tendenziell niedriger als bei AS
Periprothetische Fraktur Tendenziell niedriger als bei AS
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Koebner-Phänomen

Bei PsA-Patienten kann chirurgischer Stress ein Aufflammen der Psoriasis entlang der Operationsnarbe auslösen (Koebner-Phänomen). Dies sollte bei der Aufklärung erwähnt und interdisziplinär (Dermatologie) adressiert werden.

5. 📐 Spinopelvine Mobilität bei Rheuma

Vergleich der Krankheitsbilder

Erkrankung LWS-Beteiligung Spinopelvine Mobilität Typisches Muster
Rheumatoide Arthritis Selten primär Meist erhalten Variabel
Spondylitis ankylosans Immer (definierend) Stark eingeschränkt Stuck Sitting (63%)
Psoriasis-Arthritis 20-40% axial Variabel Je nach axialem Befall
Reaktive Arthritis Möglich Meist erhalten Variabel

Messung der spinopelvinen Mobilität

Die Evaluation erfolgt standardisiert durch:

  1. Laterale Beckenaufnahme im Stehen: Messung von SS, PT, PI
  2. Laterale Beckenaufnahme im Sitzen: Messung von SS
  3. Berechnung ΔSS: Differenz SS(Stehen) − SS(Sitzen)

Interpretation bei rheumatischen Erkrankungen

  • ΔSS < 10°: Steif ("stiff") – bei AS typisch
  • ΔSS 10-30°: Normal
  • ΔSS > 30°: Hypermobil – bei rheumatischen Erkrankungen selten
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Besonderheit bei AS

Bei AS-Patienten mit ankylotischer Hüfte kann die Sitz-Aufnahme durch die fehlende Hüftflexion verfälscht sein. Das Becken wird kompensatorisch nach posterior gekippt, was zu einer Überschätzung der Mobilität führen kann. Postoperativ normalisiert sich dies oft nach Wiederherstellung der Hüftflexion.

6. ⚠️ Komplikationsrisiken bei rheumatischen Erkrankungen

Vergleich der Komplikationsraten nach HTEP

Komplikation RA vs. OA AS vs. OA PsA vs. OA
Dislokation OR 2,31 ↑ RR 1,49-1,67 ↑ Eher niedriger
Periprothetische Infektion OR 1,44 ↑ Erhöht Erhöht
Wundinfektion OR 2,15 ↑ Erhöht Erhöht
Revision OR 1,15 ↑ RR 1,51 ↑ Variabel
Aseptische Lockerung Konstant Erhöht Variabel
Heterotope Ossifikation Normal Deutlich erhöht Normal

Faktoren für erhöhtes Dislokationsrisiko

  • Spinopelvine Steifigkeit: Hauptfaktor bei AS, führt zu Impingement
  • Weichteilschwäche: Chronische Entzündung, Steroidtherapie, Muskelatrophie
  • Knochenqualität: Osteoporose durch Entzündung und Therapie
  • Immunsuppression: Erhöhtes Infektionsrisiko → septische Lockerung
  • Krankheitsaktivität: Höherer SDAI = höheres Komplikationsrisiko
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Krankheitsaktivität als Prädiktor

Eine Studie (2024) zeigte, dass jede 1-Punkt-Erhöhung im SDAI (Simplified Disease Activity Index) mit einem signifikant erhöhten Komplikationsrisiko assoziiert ist (OR 1,015; p = 0,035). Patienten mit hoher Krankheitsaktivität hatten eine Komplikationsrate von 17,5% vs. 0% bei Patienten in Remission.

Zeitlicher Verlauf der Dislokationen

Bei AS zeigt sich ein verzögertes Dislokationsmuster:

  • 90 Tage: Erhöhtes Risiko (nicht signifikant)
  • 2 Jahre: Signifikant erhöhtes Risiko (RR 1,67)
  • Langzeit: Persistierend erhöhtes Risiko

Dies unterstreicht die Bedeutung der spinopelvinen Steifigkeit als Langzeitrisikofaktor, der nicht allein durch initiale Implantatpositionierung kompensiert werden kann.

7. 🎯 Operationsplanung bei rheumatischen Erkrankungen

Präoperative Evaluation

Bei allen rheumatischen Erkrankungen

  • Krankheitsaktivität: SDAI, DAS28 – Optimierung vor elektiver OP
  • Medikamentenmanagement: DMARD-Pause, Biologika-Pause gemäß Protokoll
  • Knochenqualität: DXA, ggf. Vitamin-D-Substitution
  • Infektionsstatus: CRP, Leukozyten, Urinstatus

Spezifisch bei RA

  • HWS-Röntgen: Funktionsaufnahmen bei > 5 Jahren Krankheitsdauer
  • MRT HWS: Bei radiologischer Instabilität zur Beurteilung der Myelonkompression
  • Anästhesiekonsil: Bei nachgewiesener HWS-Instabilität

Spezifisch bei AS und axialer PsA

  • Laterale Steh-/Sitz-Aufnahmen: Obligat für spinopelvine Evaluation
  • ΔSS-Bestimmung: Quantifizierung der Steifigkeit
  • Ganzkörper-EOS: Bei komplexer Deformität (Global Alignment)

Pfannenpositionierung nach Mobilitätsmuster

Muster Risiko Empfohlene Anteversion
Stuck Sitting (häufig bei AS) Anteriore Dislokation 15-20° (reduziert)
Stuck Standing (selten bei AS) Posteriore Dislokation 20-25° (erhöht)
Normal (RA ohne spinale Beteiligung) Standard 15-20°

Implantatwahl

  • Dual Mobility: Stark empfohlen bei AS mit spinopelviner Steifigkeit (ΔSS < 10°)
  • Constraint-Liner: Bei Revisionssituationen nach Dislokation
  • Großköpfe (≥36mm): Alternative zu DM bei jüngeren Patienten, aber erhöhtes Abriebrisiko
  • Zementfreie Fixation: Bevorzugt bei jüngeren AS-Patienten mit guter Knochenqualität
  • Zementierte Fixation: Bei Osteoporose, insbesondere nach Langzeit-Steroidtherapie (RA)

Dual Mobility bei AS

Der Einsatz von Dual-Mobility-Pfannen bei AS-Patienten mit spinopelviner Steifigkeit wird von mehreren Autoren als Standardempfehlung angesehen. Die erhöhte Bewegungstoleranz kann die eingeschränkte spinopelvine Mobilität teilweise kompensieren.

8. ✅ Klinische Empfehlungen

Algorithmus nach Krankheitsbild

Rheumatoide Arthritis

  1. Präoperative HWS-Evaluation bei > 5 Jahren Krankheitsdauer
  2. Spinopelvine Steh-/Sitz-Analyse bei Verdacht auf LWS-Beteiligung
  3. Krankheitsaktivität vor OP optimieren (Remission anstreben)
  4. Standardpositionierung bei erhaltener spinopelviner Mobilität
  5. Erhöhtes Infektionsbewusstsein – rigorose Asepsis

Spondylitis ankylosans

  1. Obligate spinopelvine Analyse: Steh-/Sitz-Aufnahmen
  2. ΔSS-Bestimmung: Bei < 10° = spinopelvine Steifigkeit
  3. Stuck Sitting identifizieren: SS < 30° im Stehen UND Sitzen
  4. Anteversion reduzieren: 15-18° bei Stuck Sitting
  5. Dual Mobility erwägen: Routinemäßig bei spinopelviner Steifigkeit
  6. HO-Prophylaxe: Indomethacin oder Bestrahlung perioperativ

Psoriasis-Arthritis

  1. Axiale Beteiligung evaluieren (Bildgebung, Klinik)
  2. Bei axialem Befall: Vorgehen wie bei AS
  3. Bei rein peripherem Befall: Vorgehen wie bei primärer Koxarthrose
  4. Dermatologische Abstimmung vor OP

Zusammenfassung der Kernpunkte

Take-Home Messages

  • AS: Spinopelvine Steifigkeit ist der Hauptrisikofaktor für Dislokation → Steh-/Sitz-Aufnahmen obligat, DM erwägen
  • RA: HWS-Instabilität präoperativ ausschließen → Funktions-Röntgen, anästhesiologische Planung
  • Alle rheumatischen Erkrankungen: Krankheitsaktivität präoperativ optimieren → niedriger SDAI = niedrigeres Komplikationsrisiko
  • Infektionsrisiko: Bei allen inflammatorischen Arthritiden erhöht → rigorose Asepsis, Medikamentenmanagement
  • Junges Alter: Insbesondere bei AS → Langzeitresultate und Revisionsstrategien bedenken

9. 📚 Literatur

  1. Blizzard DJ, Penrose CT, Sheets CZ, et al. Ankylosing Spondylitis Increases Perioperative and Postoperative Complications After Total Hip Arthroplasty. J Arthroplasty 2017;32(8):2474-2479.
  2. Chung BC, Stefl M, Kang HP, et al. Increased dislocation rates following total hip arthroplasty in patients with ankylosing spondylitis. Hip Int 2023;33(1):97-103.
  3. Grammatopoulos G, Pandit HG, Glyn-Jones S, et al. Spinopelvic challenges in primary total hip arthroplasty. EFORT Open Rev 2023;8(5):310-322.
  4. Gillick JL, Wainwright J, Das K. Rheumatoid Arthritis and the Cervical Spine: A Review on the Role of Surgery. Int J Rheumatol 2015;2015:252456.
  5. Zhang Y, Chu S, Liu K, et al. Outcomes in patients with rheumatoid versus osteoarthritis for total hip arthroplasty: A meta-analysis and systematic review. Semin Arthritis Rheum 2022;56:152061.
  6. Ravi B, Croxford R, Hollands S, et al. Increased risk of complications following total joint arthroplasty in patients with rheumatoid arthritis. Arthritis Rheumatol 2014;66(2):254-263.
  7. Chen W, Zhang L, Ma X. Association between disease activity of rheumatoid arthritis and risk of complications following total hip arthroplasty. J Orthop Surg Res 2024;19:451.
  8. Wasserman BR, Moskovich R, Razi AE. Rheumatoid arthritis of the cervical spine – clinical considerations. Bull NYU Hosp Jt Dis 2011;69:136-148.
  9. Lian Q, Lian Y, Li K, et al. Complications of primary total hip arthroplasty among patients with rheumatoid arthritis, psoriatic arthritis, ankylosing spondylitis, and primary osteoarthritis. BMC Musculoskelet Disord 2022;23(1):924.
  10. Attenello JD, Harpstrite JK. Implications of Spinopelvic Mobility on Total Hip Arthroplasty: Review of Current Literature. Hawaii J Health Soc Welf 2019;78(11 Suppl 2):31-40.