1. 🧭 Identifikation des Risikopatienten (Triage-Workflow)
Die präoperative Evaluation des spinopelvinen Alignments ist ein unverzichtbarer Bestandteil der modernen Hüftendoprothetik geworden. Die Erkenntnis, dass die klassische Lewinnek-Safe-Zone (40° ± 10° Inklination und 15° ± 10° Anteversion) allein keine zuverlässige Vorhersage der Prothesenstabilität ermöglicht, hat zu einem Paradigmenwechsel in der präoperativen Planung geführt.
Paradigmenwechsel
Studien zeigen, dass 58% der Patienten mit Hüftluxation nach TEP eine Pfannenposition innerhalb der Lewinnek-Safe-Zone aufwiesen. Patientenspezifische Safe Zones sind erforderlich.
Risikofaktoren-Checkliste
Erhöht das Luxationsrisiko signifikant:
- PI-LL Mismatch >10°
- Spinopelvine Steifigkeit (ΔSS <10°)
- Hoher PT (>19°)
- Niedriger SS (<20°)
- Negativer APPt (Beckenanteversion)
- Niedrige PI (<41°) – 39% Risiko für CSI-Ausreißer vs. 9% bei normaler PI
- Lumbale Fusion in der Anamnese
2. 📸 Klinischer Workflow: Standardisierung des Bildgebungsprotokolls
Erforderliche Aufnahmen
- Beckenübersicht a.p. im Stehen: Standardaufnahme zur Beurteilung der koronalen Pfannenposition, Beinlänge und Offset
- Seitliche Wirbelsäule-Becken-Aufnahme im Stehen: Von L1 (idealerweise) oder L3 bis zum proximalen Femur mit entspannter Haltung, Arme vor der Brust verschränkt
- Seitliche Wirbelsäule-Becken-Aufnahme im Sitzen: Entspannte Sitzposition auf einem Stuhl, Oberschenkel rechtwinklig zum Rumpf, kein Anlehnen an die Stuhllehne
- Optional – Deep-Seated-Aufnahme: Maximale Hüftflexion (90°) zur genaueren Beurteilung der spinalen Steifigkeit
Technische Anforderungen
- Film-Fokus-Abstand: 120 cm für reproduzierbare Messungen
- Zentralstrahl auf Hüftgelenkszentrum bei seitlichen Aufnahmen
- Vollständige Darstellung der Femurköpfe zur PI-Messung
- Erkennbare S1-Endplatte (Goldstandard für SS- und PI-Messung)
- Darstellung der vorderen Beckenkämme (SIAS) für APPt-Messung
3. 📐 Klinischer Workflow: Digitale Messung und Interpretation
Statische (morphologische) Parameter
Pelvic Incidence (PI)
Definition: Winkel zwischen der Linie senkrecht zur Mitte der S1-Endplatte und der Linie, die diesen Punkt mit dem Zentrum der Femurkopfachse verbindet.
Messtechnik:
- Identifikation der Mitte der S1-Endplatte
- Bestimmung des Zentrums beider Femurköpfe (Mittelpunkt der bikoxofemoralen Achse)
- Zeichnen einer Linie senkrecht zur S1-Endplatte durch deren Mittelpunkt
- Zeichnen einer Linie vom Mittelpunkt S1 zum Femurkopfzentrum
- Messung des Winkels zwischen diesen beiden Linien
Normwerte: Mittelwert 51°-53°, Normalbereich 35°-85°
Klinischer Tipp
Die Variabilität der PI-Messung ist höher als bei anderen Parametern (ICC 0,69-0,88). Die Hauptfehlerquelle ist die ungenaue Identifikation der S1-Endplatte. Verwenden Sie CT-Scans für präzisere Messungen bei unklaren Röntgenbildern.
Dynamische (positionsabhängige) Parameter
Sacral Slope (SS) – Sakrale Neigung
Definition: Winkel zwischen der S1-Endplatte und der Horizontalen.
| Position | Normwerte |
|---|---|
| Stehend | 35°-45° (Mittelwert 35° ± 10°) |
| Sitzend | 15°-25° (deutlich reduziert) |
| ΔSS (Differenz) | 10°-30° normal |
Klinische Bedeutung: Der SS ist der wichtigste Parameter zur Beurteilung der spinopelvinen Mobilität. Ein ΔSS <10° definiert ein steifes Becken mit erhöhtem Luxationsrisiko.
Pelvic Tilt (PT) – Beckenkippung
Definition: Winkel zwischen der Linie vom Mittelpunkt der S1-Endplatte zum Femurkopfzentrum und der Vertikalen.
Normwerte: Mittelwert 13°-16°, Normalbereich 5°-25°
Mathematische Beziehung: PI = SS + PT (konstant)
Klinische Bedeutung: PT >19° ist ein unabhängiger Risikofaktor für Instabilität. Eine 1°-Zunahme des PT führt zu einer Erhöhung der funktionellen Pfannenanteversion um 0,7°-0,8°.
Lumbale Lordose (LL)
Definition: Cobb-Winkel zwischen der kranialen L1-Endplatte und der kranialen S1-Endplatte.
Normwerte: Mittelwert 40°-50°, sollte näherungsweise PI entsprechen (±10°)
Klinische Bedeutung: Das PI-LL-Mismatch (PI - LL) ist ein Schlüsselparameter für sagittales Ungleichgewicht. PI-LL >10° zeigt spinales Ungleichgewicht (Sensitivität 70%, Spezifität 65%).
Anterior Pelvic Plane Tilt (APPt)
Definition: Winkel zwischen der anterioren Beckenebene (definiert durch SIAS und Symphyse) und der Vertikalen.
Normwerte: Stehend: 0° bis +5° (leichte Retroversion), neutral definiert als APPt = 0°
Klinische Bedeutung: Der APPt ist der relevanteste Parameter für die intraoperative Navigation. Negativer APPt (Anteversion) ist mit erhöhtem Risiko für posteriore Luxation assoziiert.
Azetabuläre Parameter
Ante-Inklination (AI)
Definition: Winkel zwischen der Horizontalen und einer Linie durch Vorder- und Hinterwand des Azetabulums auf seitlichen Röntgenaufnahmen.
Normwerte: Stehend 35° ± 8°, sitzend 55° ± 10°
Mathematische Beziehung: tan(AI) = tan(RA) / cos(RI)
Klinische Bedeutung: Der AI ist der Schlüsselparameter zur Beurteilung der funktionellen Pfannenöffnung im sagittalen Profil. AI ändert sich 1:1 mit SS, wenn das Becken kippt.
Combined Sagittal Index (CSI)
Definition: CSI = AI + PFA (Ante-Inklination + Pelvic Femoral Angle)
Der Combined Sagittal Index ist der beste Prädiktor für das Luxationsrisiko.
| Position | Zielbereich CSI | Interpretation |
|---|---|---|
| Stehend | 205° - 245° | Reduziertes Luxationsrisiko (OR 4,2) |
| Sitzend | >151° | Vermeidung ant. Impingement |
| Steife/unbalancierte WS | 215° - 235° | Engere Safe Zone (OR 5,1) |
Kritische Grenzwerte: CSI stehend <216° = Risiko posteriore Luxation; CSI stehend >244° = Risiko anteriore Luxation; CSI sitzend <151° = anteriores Impingement
Reliabilität und Messgenauigkeit
| Parameter | ICC Intraobserver | ICC Interobserver |
|---|---|---|
| Pelvic Incidence | 0,84 | 0,79 |
| Sacral Slope | 0,87 | 0,83 |
| Pelvic Tilt | 0,98 | 0,96 |
| Lumbale Lordose | 0,94 | 0,94 |
| PI-LL Mismatch | 0,97 | 0,97 |
4. ⭐️ TIPS UND TRICKS VON ERFAHRENEN OPERATEUREN (Praktische Handlungsanweisungen)
Präoperative Evaluation – Schritt für Schritt
- Screening auf a.p.-Beckenaufnahme: Beurteilung auf Inlet-/Outlet-Erscheinung als Hinweis auf Beckenkippung
- Seitliche Steh-Aufnahme: Messung von PI, SS, PT, LL, APPt; Berechnung PI-LL-Mismatch
- Seitliche Sitz-Aufnahme: Messung von SS sitzend; Berechnung ΔSS
- Klassifikation: Einteilung nach Luthringer/Vigdorchik (balanciert/unbalanciert, mobil/steif)
- Risikostratifizierung: Identifikation von Risikofaktoren und Festlegung der Implantationsstrategie
Intraoperative Referenzierung und Verifikation
Referenzsysteme
- Anteriore Beckenebene (APP): Standard für Navigation; präzise bei DAA und Rückenlage
- Funktionelle Beckenebene: Berücksichtigt individuelle Beckenkippung im Stehen
- Koronalebene: Murray-Definition; abweichend von APP bei Beckenkippung
- Ligamentum transversum acetabuli (TAL): Nur 50% Übereinstimmung mit CSI-AI-Kriterien
Umrechnung operativ/radiographisch
Die Umrechnung zwischen operativer und radiographischer Anteversion ist essenziell:
tan(RA) = tan(OA) × cos(RI)
Beispiel: Bei einer Ziel-RI von 40° und angestrebter RA von 15° muss operativ mit ca. 20° Anteversion implantiert werden.
Praxis-Tipp
Intraoperativ sollte bei Seitenlage mit Inklinometer gemessen werden. Zielwinkel 30°-35° zum Boden (nicht 40°), da durch Beckenadduktion und -innenrotation in Seitenlage die endgültige RI höher ausfallen wird.
Fehlerquellen und Limitationen
- S1-Endplatten-Identifikation: Hauptfehlerquelle bei PI-Messung, besonders bei degenerativen Veränderungen
- Beckenkippung auf a.p.-Aufnahmen: Verändert gemessene Anteversion um bis zu 0,8° pro Grad Beckenkippung
- SFP-Winkel auf a.p.-Aufnahmen: Absolute PT-Werte sollten nicht aus a.p.-Aufnahmen geschätzt werden
- Kontralaterale Hüftarthrose: Kann Beckenkippung auf Cross-table-Aufnahmen beeinflussen
- Messmethoden-Inkompatibilität: Nur 11% der Studien zitieren die Lewinnek-Safe-Zone korrekt
5. 🔑 Key Facts: Zusammenfassung für den Kliniker
- Die Lewinnek-Safe-Zone allein ist kein verlässlicher Prädiktor für Stabilität – patientenspezifische Safe Zones sind erforderlich.
- Der Combined Sagittal Index (CSI) ist der beste Prädiktor für Luxationsrisiko und sollte im Bereich 205°-245° (stehend) liegen.
- ΔSS (Differenz Stehen-Sitzen) ist der Schlüsselparameter zur Beurteilung der spinopelvinen Mobilität. Werte <10° definieren ein steifes Becken.
- PI-LL Mismatch >10° indiziert sagittales Ungleichgewicht und erhöhtes Luxationsrisiko.
- Die Pelvic Incidence ist der einzige konstante Parameter; alle anderen variieren mit der Körperposition.
- Standardisierte Bildgebung (Stehen und Sitzen seitlich) ist essenziell für reproduzierbare Messungen.
- Intraoperative Verifikation und Umrechnung zwischen operativen und radiographischen Winkeln sind erforderlich.
Fazit
Die Integration der spinopelvinen Evaluation in den klinischen Alltag ermöglicht eine individualisierte Pfannenpositionierung und kann die Luxationsrate nach Hüft-TEP signifikant reduzieren.
6. 📚 Literatur und Evidenz (Die wissenschaftliche Grundlage)
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