MAKO Robotersystem für die Hüftendoprothetik

CT-basierte Planung mit haptischer Präzision und spinopelviner Integration

1. 🧭 Systemübersicht und Philosophie

Das MAKO System von Stryker repräsentiert den Goldstandard in der robotergestützten Hüftendoprothetik mit über 500.000 durchgeführten Eingriffen weltweit. Die technologische Reife basiert auf mehr als einem Jahrzehnt klinischer Anwendung und kontinuierlicher Weiterentwicklung (Redmond et al., 2020; Bukowski et al., 2016).

Die Systemarchitektur integriert CT-basierte präoperative Planung mit intraoperativer robotischer Präzision. Im Gegensatz zu bildfreien Systemen ermöglicht dieser Ansatz die Integration spinopelviner Parameter bereits in der Planungsphase – Wirbelsäulenaufnahmen können importiert und funktionelle Bewegungssimulationen durchgeführt werden (Vigdorchik et al., 2020; Domb et al., 2020).

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Haptisches Feedback-System

Das technologische Kernstück: Der Chirurg führt die Fräse manuell und erhält taktilen Widerstand beim Erreichen definierter Grenzen. Diese semiautonome Arbeitsweise bewahrt die chirurgische Entscheidungshoheit bei gleichzeitiger Präzisionsunterstützung.

2. 📸 Technische Komponenten und Systemarchitektur

Roboterarme und Instrumentierung

Komponente Spezifikation
Freiheitsgrade 6
Arbeitsreichweite ca. 1,5 m
Positionsgenauigkeit Submillimeter
Winkelgenauigkeit <1°
Fräsengeschwindigkeit bis 40.000 U/min
Fräsengrößen 38-66 mm
Latenz Fräse-Roboter <10 ms

Optisches Trackingsystem

  • Infrarot-Kamera-Arrays: Erfassung reflektierender Marker mit 60 Hz Aktualisierungsrate
  • Positionsgenauigkeit: Submillimeterbereich
  • Kritisch: Kontinuierliche Sichtlinie zwischen Kamera und Markern

Referenzarray-Fixierung

Referenzarrays werden bikortical am Beckenkamm fixiert, typischerweise 5-7 cm posterior der Spina iliaca anterior superior. Die Stabilität dieser Fixierung determiniert die Gesamtsystemgenauigkeit – insuffiziente Pin-Fixierung stellt eine häufige Fehlerquelle dar.

Präoperative CT-Bildgebung

Parameter Empfehlung
Erfassungsbereich SIAS bis distales Femur
Schichtdicke 1-2 mm
Lagerung Standardisierte Beckenpelotten
Protokoll Low-Dose möglich
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Segmentierungsverifikation

Manuelle Verifikation und Korrektur durch den Chirurgen sind obligat, um Segmentierungsfehler auszuschließen, die nachfolgend zu Planungs- und Registrierungsfehlern führen würden.

3. 📐 Präoperative Planung und spinopelvine Integration

Virtuelle Implantatpositionierung

Die Planungssoftware ermöglicht dreidimensionale Visualisierung mit virtueller Implantatpositionierung. Das anatomische Rotationszentrum wird als Referenz identifiziert, typischerweise 25 mm superior und 10 mm medial vom unteren Rand des Tuber ischiadicum (Lewinnek et al., 1978).

Adjustierung in drei Dimensionen

  • Superior-inferior: Offset und Beinlänge
  • Medial-lateral: Gelenkbelastung
  • Anterior-posterior: Bewegungsumfang

Integration spinopelviner Parameter

Die entscheidende Stärke des MAKO-Systems liegt in der Möglichkeit, Wirbelsäulenaufnahmen zu importieren und die funktionelle Azetabulumausrichtung in verschiedenen Körperpositionen zu simulieren.

Stratifikation nach spinopelvinem Risikoprofil

Flexibilität PT-Veränderung Anteversion Inklination Kombinierte AV
Normal >20° 15-20° 38-42° 35-45°
Moderat eingeschränkt 10-20° 20-25° 38-42° 40-50°
Steif (Fusion, AS) <10° 25-30° 35-38° 45-55°

Patienten mit steifer Wirbelsäule

Insbesondere nach lumbalen Fusionsoperationen oder bei ankylosierender Spondylitis benötigen diese Patienten ausgeprägte Anpassungen. Dual-Mobility-Systeme bieten zusätzliche Sicherheit (Luthringer et al., 2019).

Funktionelle Bewegungssimulation

Die Software simuliert den Bewegungsumfang in verschiedenen funktionellen Positionen. Kritische Alltagsbewegungen werden analysiert:

  • Schuhe binden: Flexion >110° kombiniert mit Adduktion und Innenrotation
  • Aufstehen aus tiefem Sessel: Hohe Flexion mit Belastung

Potentielle Impingement-Zonen werden farbcodiert visualisiert. Erhöhung der Anteversion stellt meist die effektivste Maßnahme zur Impingement-Reduktion dar.

Beinlängenplanung

Ziel: Discrepancy <5 mm. Moderate Verlängerungen können biomechanische Vorteile für Offset-Rekonstruktion bieten. Die Software visualisiert den Trade-off zwischen Beinlänge und Offset (Sykes et al., 2015).

4. ⭐️ Intraoperativer Workflow

Systemvorbereitung

  1. Initialisierung: Mindestens 30 min präoperativ, Selbsttest und Kalibrierung
  2. Profilladen: Patientenspezifische CT-Planung
  3. Verifikation: Alle Systemkomponenten prüfen

Patientenlagerung

Seitenlage muss die CT-Position reproduzieren. Standardisierte Beckenpelotten gewährleisten vertikale Beckenausrichtung. Abweichungen führen zu Registrierungsfehlern.

Referenzarray-Fixierung

  • Zwei Pins bikortical in ca. 30° zur Vertikalen
  • Ca. 3 cm separiert
  • Mechanische Stabilität kritisch
  • Tracking-Test nach Array-Montage

Registrierung und Verifikation

Landmarken-Registrierung

Obligate Landmarken mit sterilem Pointer:

  • SIAS bilateral
  • Tuberculum pubicum
  • Mindestens 6 Punkte am Azetabulumrand (anterior-superior, posterior-superior, anterior-inferior, posterior-inferior, anteriorer und posteriorer Randpunkt)

Jeder Punkt sollte eine Genauigkeit <2 mm erreichen.

Oberflächenregistrierung

Systematische Erfassung von 20-30 Punkten über den gesamten exponierten Azetabulumrand. Besondere Aufmerksamkeit auf anteriore und posteriore Randbereiche sowie Fossa acetabuli nach Labrum-Resektion.

Residual Error

Wert Interpretation Maßnahme
<1,5 mm Exzellent Fortfahren
1,5-2 mm Akzeptabel Fortfahren mit Verifikation
>2 mm Kritisch Evaluation, ggf. Wiederholung
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Verifikationsprotokoll

Investiere 2-3 Minuten für Testpunkt-Verifikation. Abweichungen <2 mm akzeptabel, >3 mm erfordern Neuregistrierung. Diese Investition verhindert potentiell gravierende Positionierungsfehler.

Robotisch-assistierte Fräsung

Das Display visualisiert Frästiefe und -orientierung in Echtzeit mittels AP-, lateraler und 3D-Ansicht.

Haptisches Feedback

Restdistanz Feedback
ca. 5 mm Sanfter Widerstand beginnt
2 mm Deutlich intensivierter Widerstand
0 mm (Zieltiefe) Harter Stop (nur durch bewusste Kraft überwindbar)

Schrittweise Größensteigerung in 2-mm-Inkrementen. Nach jedem Fräsenwechsel Orientierung reverifizieren. Finale Fräsung konservativ – leichte Unterresektion optimiert Press-fit-Verankerung.

Pfannenimplantation

  • Pfanne am Inserter mit Tracking-Markern montieren
  • System visualisiert kontinuierlich: Inklination, Anteversion, Insertionstiefe, Rotationszentrum
  • Iterative Impaktierung mit 2-3 moderaten Hammerschlägen, dann Positionskontrolle
  • Ziel: Finale Abweichung <2° für Inklination und Anteversion
  • Erreichbar: In >90% der Fälle (Bukowski et al., 2016; Nodzo et al., 2018)

Schraubenpositionierung

Optimale Positionen: Postero-superior und superior-anterior (dickes Ilium, sichere Verankerung ohne Gefährdung neurovaskulärer Strukturen). Nach jeder Schraubeninsertion Positionskontrolle.

Komplikationsmanagement

Registrierungsfehler

  • Häufigste Ursache: Pin-Lockerung mit Array-Instabilität → manuelle Stabilitätsprüfung, ggf. Pin-Revision
  • CT-Lagerungs-Diskrepanz: Beckenorientierung verifizieren, Lagerungskorrektur, Neuregistrierung
  • Tracking-Probleme: Regelmäßige Marker-Reinigung, Team-Awareness für Kamera-Sichtlinien

Haptisches Feedback-Management

  • Sklerotischer Knochen: Vorzeitiger Widerstand → manuelle Tiefenkontrolle
  • Osteoporotischer Knochen: Insuffizientes Feedback → manuelle Tiefenkontrolle
  • Bewusstes Überschreiten: Gerechtfertigt bei Protrusio (Medialisierung) oder Osteophyten-Resektion – dokumentieren!
⚠️

Backup-Plan für Systemausfall

Konventionelle Instrumente müssen verfügbar sein. Nach 15-20 min frustranen Troubleshootings ist der Wechsel zur konventionellen Technik meist effizienter als prolongiertes Systemmanagement.

5. 🔑 Klinische Evidenz und Outcomes

Präzision der Komponentenpositionierung

Parameter MAKO Manuell
Innerhalb Lewinnek Safe Zone 92% 67%
Abweichung Inklination/Anteversion 2-3° 5-10°
Ausgeprägte Fehlpositionierungen <5% 15-25%

Luxationsraten und Stabilität

  • Relative Risikoreduktion: 40% für frühe Luxationen (Registerdaten >15.000 Patienten)
  • Absolute Luxationsrate: 0,5-1,0% (MAKO) vs. 1,5-2,5% (konventionell)

Hochrisikopatienten

Besonders ausgeprägte Vorteile: In einer Kohorte von Patienten mit steifer Wirbelsäule reduzierten individualisierte, robotisch umgesetzte Alignmentstrategien die Luxationsrate von 8% auf 2% (Vigdorchik et al., 2020).

Funktionelle Outcomes

Harris Hip Score, Oxford Hip Score und WOMAC zeigen in den meisten Studien keine signifikanten Unterschiede zwischen robotischer und konventioneller Technik. Verbesserte technische Präzision schlägt sich nicht unmittelbar in superior subjektivem Outcome nieder – zumindest nicht kurzfristig.

Langzeitdaten

  • Implantatüberlebensraten: >98% über 5-7 Jahre
  • Theoretisch: Optimierte Biomechanik und reduzierte Ausreißer sollten zu verlängerter Standzeit führen

Operationszeit und Lernkurve

Phase OP-Zeit Empfehlung
Initial +15-30 min Engmaschige Supervision
Nach 15-20 Eingriffen ≈ konventionell Routinierte Abläufe etabliert

Praktische Empfehlungen für die Implementierung

Institutionelle Vorbereitung

  • Investition: 500.000 bis >1 Mio. € plus laufende Kosten
  • OP-Raum: Ausreichend Platz, elektromagnetische Kompatibilität
  • Radiologie: Dediziertes CT-Protokoll, direkte Datenübertragung

Teamtraining

  • Strukturiertes Training: Chirurgen, OP-Pflegepersonal, Anästhesie
  • Robotischer Champion: Institutsinterne Expertise aufbauen
  • Initiale Fallselektion: Primäre Koxarthrosen ohne Deformitäten
  • Erste 10-15 Fälle: Workflow-Learning, nicht Zeitoptimierung

Spinopelvines Assessment

  1. Laterale WS-Aufnahmen im Stehen und Sitzen für alle Patienten
  2. Messungen: PI, PT, SS, LL (manuell oder digital)
  3. Präoperative Stratifikation → individualisierte Zielkorridore
  4. Umsetzung in MAKO-Planung mit dokumentierter spinopelviner Rationale
  5. Postoperativer Vergleich: geplant vs. erreicht

Qualitätssicherung

  • Systematische Erfassung aller MAKO-generierten Daten
  • Analyse von Abweichungen zwischen Planung und Execution
  • Team-Debriefings nach den ersten 20-30 Fällen
  • Teilnahme an Registern/Studien erwägen

Zukunftsperspektiven

  • KI-Integration: Machine Learning zur Prädiktion von Luxationsrisiken basierend auf anatomischen und spinopelvinen Parametern
  • Miniaturisierung: Kleinere, mobilere Systeme zu reduzierten Kosten
  • Sensortechnologie: Echtzeiterfassung von Weichteilspannung und Gelenkstabilität
  • 3D-Druck: Kombination patientenspezifischer Implantate mit robotischer Präzisionsplatzierung

6. 📚 Literatur

  1. Abdel MP, von Roth P, Jennings MT, et al. What Safe Zone? The Vast Majority of Dislocated THAs Are Within the Lewinnek Safe Zone for Acetabular Component Position. Clin Orthop Relat Res. 2016;474(2):386-391.
  2. Bukowski BR, Anderson P, Khlopas A, et al. Improved functional outcomes with robotic compared with manual total hip arthroplasty. Surg Technol Int. 2016;29:303-308.
  3. Chen AF, Kazarian GS, Jessop GW, Makhdom A. Robotic Technology in Orthopaedic Surgery. J Bone Joint Surg Am. 2018;100(22):1984-1992.
  4. Chen X, Xiong J, Wang P, et al. Robotic-assisted compared with conventional total hip arthroplasty: systematic review and meta-analysis. Postgrad Med J. 2021;97(1145):131-138.
  5. Domb BG, Chen JW, Lall AC, et al. Minimum 5-Year Outcomes of Robotic-assisted Primary Total Hip Arthroplasty With a Nested Comparison Against Manual Primary Total Hip Arthroplasty: A Propensity Score-Matched Study. J Am Acad Orthop Surg. 2020;28(20):847-856.
  6. Kayani B, Konan S, Ayuob A, et al. Robotic technology in total knee arthroplasty: a systematic review. EFORT Open Rev. 2019;4(10):611-617.
  7. Kayani B, Konan S, Tahmassebi J, et al. The learning curve of robotic-arm assisted acetabular cup positioning during total hip arthroplasty. Hip Int. 2021;31(3):311-319.
  8. Lewinnek GE, Lewis JL, Tarr R, et al. Dislocations after total hip-replacement arthroplasties. J Bone Joint Surg Am. 1978;60(2):217-220.
  9. Lum ZC, Coury JG, Cohen JL, et al. The Current Knowledge on Spinopelvic Mobility. J Arthroplasty. 2018;33(1):291-296.
  10. Luthringer TA, Vigdorchik JM. A Preoperative Workup of a "Hip-Spine" Total Hip Arthroplasty Patient: A Simplified Approach to a Complex Problem. J Arthroplasty. 2019;34(7S):S57-S70.
  11. Nodzo SR, Chang CC, Carroll KM, et al. Intraoperative Placement of Total Hip Arthroplasty Components with Robotic-Arm Assisted Technology Correlates with Postoperative Implant Position: A CT-Based Study. Bone Joint J. 2018;100-B(10):1303-1309.
  12. Pierrepont J, Hawdon G, Miles BP, et al. Variation in functional pelvic tilt in patients undergoing total hip arthroplasty. Bone Joint J. 2017;99-B(2):184-191.
  13. Redmond JM, Gupta A, Hammarstedt JE, et al. The Learning Curve Associated With Robotic-Assisted Total Hip Arthroplasty. J Arthroplasty. 2015;30(1):50-54.
  14. Redmond JM, Halai M, Chen AW, et al. Variability in Radiation Dose, Accuracy, and Precision in Robotic Total Hip Arthroplasty: Towards Improving Navigation. J Arthroplasty. 2020;35(10):3007-3013.
  15. Sykes A, Hill J, Orr J, et al. Patients' perception of leg length discrepancy post total hip arthroplasty. Hip Int. 2015;25(5):452-456.
  16. Vigdorchik JM, Sharma AK, Elbuluk AM, et al. The Majority of Total Hip Arthroplasty Patients With a Stiff Spine Do Not Have an Instrumented Fusion. J Arthroplasty. 2019;34(7S):S97-S101.
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