Das Knie als Kompensator: Die Kniebeugesehne und die Achskorrektur im Spinopelvinen Alignment

Übersichtsartikel zum Thema Therapie

I. Theoretische Grundlage: Die Rolle der Hamstrings in der Sagittalen Balance

Die sagittale Balance des Körpers wird durch eine kinetische Kette von Wirbelsäule, Becken, Hüfte, Knie und Sprunggelenk aufrechterhalten. Während der Fokus traditionell auf der Wirbelsäule und dem Becken lag, gewinnt das Knie als Kompensator zunehmend an Bedeutung. Das Knie-Wirbelsäulen-Syndrom und das Knie-Hüfte-Wirbelsäulen-Syndrom beschreiben die komplexen Wechselwirkungen dieser anatomischen Strukturen.

Das Knie-Wirbelsäulen-Syndrom: Definition und Mechanismus

Das Knie-Wirbelsäulen-Syndrom beschreibt die Assoziation zwischen Kniegelenkspathologie und lumbalen Beschwerden. Eine eingeschränkte Knieextension korreliert mit einer Abnahme der lumbalen Lordose und kann zu Rückenschmerzen führen.

  • Knieflexionskontraktur → Verlust der Lendenlordose → LWS-Beschwerden
  • Gonarthrose → kompensatorische Kniebeugung → sagittale Imbalance
  • Ischiokrurale Verkürzung → posteriore Beckenkippung → Hypolordose

Biomechanische Grundlagen

Parameter Definition
Femoral Tilt Angle (FTA) Winkel zwischen Femurschaft und Vertikaler (repräsentiert Knieflexion)
Femoropelvic Angle (FPA) Winkel zwischen Femurschaft und Linie vom Hüftzentrum zur Sakrumplatte
Pelvic Tilt (PT) PT = FPA + FTA (Beckenneigung als Summe beider Winkel)
Knee Flexion Angle (KFA) Stehender Knieflexionswinkel, gemessen auf seitlichem Ganzbeinröntgen
SVA Sagittal Vertical Axis: Abstand C7-Lot zur posterioren Sakrumoberkante

Kompensationsmechanismen

Lee et al. beschrieben zwei unterschiedliche Kompensationsmechanismen bei Knieflexion:

Mechanismus Charakteristik Klinische Situation
Kompensation I Beckentretroversion ohne Knieflexion: FPA↑, PT↑, FTA=0 Steife LWS: Becken kompensiert primär
Kompensation II Knieflexion ohne Beckenretroversion: FTA↑, FPA↓, PT unverändert Flexible LWS: Knie kompensiert primär

Lee et al. 2013, Eur Spine J

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Klinischer Hinweis

Bei flexibler Lendenwirbelsäule reagiert primär die LWS durch Lordosereduktion auf eine Knieflexion. Bei steifer LWS erfolgt die Kompensation über Beckenrotation und Hüftflexion. Die Unterscheidung ist wichtig für die Behandlungsplanung.

Einfluss der Knieflexion auf Spinopelvine Parameter

Lee et al. untersuchten den Einfluss simulierter Knieflexion (0°, 15°, 30°) auf spinopelvine Parameter bei gesunden Probanden:

Parameter 0° Knieflexion 15° Knieflexion 30° Knieflexion
Lumbale Lordose Baseline Reduziert Deutlich reduziert
SVA Baseline Anterior verschoben Stark anterior
Pelvic Tilt Baseline Unverändert Unverändert
FTA (Knieflexion) 15° 30°

Knieflexion bei Gonarthrose

Katsumi et al. 2023 analysierten 108 Patienten mit Gonarthrose mittels EOS-Bildgebung:

  • FTA (Femoral Tilt Angle) ist der stärkste Prädiktor für globale sagittale Balance (p<0,001)
  • Signifikante Korrelation zwischen KFA, FPA, FTA, SVA und OD-HA-Winkel
  • Gonarthrose führt zu Veränderungen an Hüfte, Knie, Becken und Wirbelsäule

Cutoff-Wert für Knieflexion

Studien zeigen einen Schwellenwert der Knieflexion, der auf dekompensierte spinopelvine Balance hinweist:

  • Cutoff KFA: 8,4° (Sensitivität 89%, Spezifität 46%)
  • KFA >8,4° deutet auf spinopelvine Imbalance hin
  • Bei dekompensierter Balance: Rekrutierung aller Kompensationsmechanismen von WS bis Füße

Die Ischiokrurale Muskulatur (Hamstrings)

Anatomie und Funktion

Die ischiokrurale Muskulatur (M. biceps femoris, M. semitendinosus, M. semimembranosus) entspringt am Tuber ischiadicum und hat eine zentrale Rolle in der lumbo-pelvinen Kinematik:

  • Knieflexion und Hüftextension
  • Posteriore Beckenkippung bei Kontraktion
  • Einfluss auf lumbale Lordose über Beckenposition

Hamstring-Verkürzung und Spinopelvine Alignment

Befund Auswirkung
Verkürzte Hamstrings Posteriore Beckenkippung, Hypolordose
Eingeschränkte anteriore Beckenkippung Kompensatorisch mehr LWS-Flexion beim Bücken
Hamstring-Dehnung (+18,8° Poplitealwinkel) PT ↑ 2,1° beim Gehen, ↑ 10,6° bei Vorneigung
Niedrige Hamstring-Extensibilität bei Sportlern 13,9-fach erhöhtes Risiko für LWS-Schmerzen (Männer)

Paradoxon: Gedehnte vs. Verkürzte Hamstrings

Ein wichtiges klinisches Konzept ist die Unterscheidung zwischen mechanischer und neurologischer Verkürzung:

  • Bei anteriorer Beckenkippung: Hamstrings sind bereits GEDEHNT (nicht verkürzt!)
  • Sensation der Spannung ≠ mechanische Verkürzung
  • Dehnung verschlimmert oft das Problem (weiteres anteriores Kippen)
  • Stärkung der Hamstrings kann Becken in neutrale Position zurückbringen
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Wichtig: Hamstring-Assessment

Die klinische 'Enge' der Hamstrings hängt primär von der Beckenposition ab, nicht von der tatsächlichen Muskellänge. Bei SLR von 90° mit Spannung liegt oft eine neutrale Beckenposition vor. Bei früherer Spannung (<90°) besteht oft anteriore Beckenkippung.

II. Klinischer Handlungsablauf und Diagnostik

Gonarthrose und Spinopelvine Kompensation

Kompensationsmuster bei Gonarthrose

Zheng et al. analysierten sagittale Alignment-Parameter bei schwerer Gonarthrose:

Knieflexion Kompensation Alignment-Änderungen
Mild (FI ≤10°) Primär lumbal LL↓, Vorneigung WS, Becken normal
Moderat-Schwer (FI >10°) Primär pelvin/Hüfte Hüftflexion↑, SS↑, Beckenanteversion
  • 66% der Gonarthrose-Patienten haben präoperativ LWS-Schmerzen
  • Patienten mit schwerer Flexionskontraktur zeigen stärker nach vorn verschobene globale Balance
  • Kompensation wechselt von lumbal zu pelvin bei zunehmender Kniedeformität

Präoperativer Status

Präoperativ zeigen TKA-Kandidaten charakteristische Veränderungen:

  • Anterior verschobene globale Imbalance (SVA↑)
  • Reduzierte lumbale Lordose
  • Knieflexionskontraktur
  • Posteriore Beckenkippung bei schwerer Kontraktur

Knie-TEP und Spinopelvine Veränderungen

Effekte der TKA auf Spinopelvine Parameter

Parameter Präoperativ Postoperativ (nach TKA)
Knieflexionskontraktur Vorhanden Korrigiert
SVA Anterior verschoben Oft weiter verschoben!
Pelvic Tilt Erhöht (posterior) Leicht reduziert
Sacral Slope Reduziert Erhöht
Lumbale Lordose Reduziert Keine signifikante Änderung
LWS-Schmerzen 66% der Patienten 33% Besserung

Kitagawa et al. 2021, Asian Spine J, n=110

TKA bei Patienten mit LWS-Fusion

Shichman et al. 2023 untersuchten den Effekt der TKA auf spinopelvine Parameter bei Patienten mit und ohne vorherige LWS-Fusion:

Gruppe PT-Änderung SS-Änderung
Ohne WS-Fusion (n=74) Minimal Minimal
Mit LWS-Fusion (n=19) Signifikant Signifikant
Mit Flexionskontraktur (n=20) Signifikant Signifikant
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Klinische Konsequenz

TKA bei Patienten mit LWS-Fusion führt zu signifikanten Änderungen der spinopelvinen Parameter. Bei gleichzeitiger Indikation für THA und TKA sollte die TKA zuerst erfolgen, da die spinopelvinen Änderungen das Luxationsrisiko nach THA beeinflussen können.

Zeitlicher Verlauf nach TKA

Park et al. 2021 zeigten den zeitlichen Verlauf der spinopelvinen Anpassung:

  • Flexionskontraktur: Sofortige Korrektur nach TKA
  • Stehender Knieflexionswinkel (KFA): Graduelle Verbesserung über 2 Jahre
  • Sacral Slope: Signifikante Änderung korreliert mit KFA
  • Pelvic Incidence: Signifikante Reduktion korreliert mit KFA

Präoperatives Screening

  • Anamnese: LWS-Beschwerden, WS-Fusion, Hüftpathologie
  • Klinisch: Knieflexionskontraktur messen, Hamstring-Länge (SLR, AKE)
  • Bildgebung: Ganzbein-Röntgen stehend, seitliche WS inkl. Becken
  • Bei pathologischem Befund: EOS-Ganzkörper-Aufnahme erwägen

III. Expertentipps & Caveats

Knie-Hüfte-Wirbelsäulen-Syndrom

Konzept

Das Knie-Hüfte-Wirbelsäulen-Syndrom erweitert das Konzept auf die gesamte kinetische Kette:

  • Wirbelsäule, Hüfte und Knie sind anatomisch und funktionell verbunden
  • Degeneration eines Segments führt zu kompensatorischen Änderungen in anderen
  • Verlust der Lendenlordose → Kyphose → Beckenretroversion → Hüftextension → Knieflexion → OSG-Dorsalflexion

Chirurgische Implikationen

Situation Empfehlung
THA + TKA indiziert TKA zuerst erwägen (spinopelvine Änderungen beeinflussen Cup-Position)
TKA + WS-OP indiziert Sequenzierung individuell: TKA kann sagittale Balance verbessern
THA nach TKA Erneute spinopelvine Evaluation, da PT/SS sich geändert haben
Patienten mit LWS-Fusion vor TKA Cave: Signifikante PT/SS-Änderungen möglich

Verbesserung der Körperhaltung nach TKA

Oshima et al. 2019 zeigten Verbesserungen der Körperhaltung nach TKA:

  • Patienten mit abnormalem SVA: Hüfte und Knie werden extendiert
  • Lumbale Lordose nimmt zu
  • Posteriore Beckenkippung nimmt ab
  • Bilaterale TKA: SVA-Verbesserung signifikant und stabil bis 24 Monate
  • Unilaterale TKA: Keine signifikante SVA-Verbesserung (kontralaterales Knie kompensiert)

Mechanische Achse und Knieausrichtung

HKA-Winkel (Hip-Knee-Ankle Angle)

Der HKA-Winkel beschreibt die mechanische Achse der unteren Extremität:

  • Normal: 177-183° (entspricht ca. 1-1,5° Varus)
  • Varus: HKA >183°
  • Valgus: HKA <177°
  • Prävalenz bei TKA-Kandidaten: 62% Varus, 27% neutral, 11% Valgus

Einfluss der Knieachse auf Spinopelvine Parameter

Kniedeformität Spinopelvine Auswirkung
Varus-Gonarthrose Kompensatorische Rückfuß-Valgusstellung, Sprunggelenk-Anpassung
Flexionskontraktur + Varus Stärkere sagittale Imbalance als isolierte Deformität
Nach TKA (Achskorrektur) Akute Änderung der Sprunggelenk-/Rückfuß-Biomechanik

THA und Knieachse

Die Hüft-TEP kann die Knieachse beeinflussen, insbesondere bei Dysplasie:

  • Crowe IV Dysplasie: HKA verbessert sich von 176,5° auf 179,5° nach THA
  • Femuroffset-Rekonstruktion und Hüftzentrums-Wiederherstellung neutralisieren Knie-Valgus
  • mLDFA (mechanischer lateraler distaler Femurwinkel) ist Hauptprädiktor für postoperative Knieachse

Entscheidungsbaum: Sequenzierung multipler Eingriffe

Konstellation Empfohlene Reihenfolge Begründung
THA + TKA indiziert TKA → THA PT/SS-Änderung nach TKA beeinflusst Cup-Position
TKA + WS-Fusion indiziert Individuell Schwere der Symptomatik, Fusionshöhe
Bestehende LWS-Fusion + TKA TKA mit Vorsicht Größere spinopelvine Veränderungen
THA nach früherer TKA Erneute SP-Evaluation Baseline hat sich geändert

Rehabilitation

  • Hamstring-Dehnung nur bei tatsächlicher Verkürzung (SLR <70° bei neutralem Becken)
  • Bei anteriorer Beckenkippung: Hamstring-Kräftigung statt Dehnung
  • Core-Stabilisation zur Unterstützung der Beckenposition
  • Postoperativ nach TKA: Graduelle ROM-Verbesserung, Quadrizeps-Kräftigung

IV. Zusammenfassung der wichtigsten Key Facts

  • Das Knie ist ein wichtiger Kompensator der sagittalen Balance (Knie-WS-Syndrom)
  • Knieflexion >8,4° deutet auf dekompensierte spinopelvine Balance hin
  • FTA (Femoral Tilt Angle) ist stärkster Prädiktor für globale sagittale Balance
  • 66% der TKA-Kandidaten haben LWS-Schmerzen, 33% bessern sich nach TKA
  • TKA korrigiert Flexionskontraktur, aber SVA kann sich initial verschlechtern
  • Bei LWS-Fusion: Signifikante PT/SS-Änderungen nach TKA
  • Hamstring-Verkürzung verursacht posteriore Beckenkippung und Hypolordose
  • Bei THA + TKA Indikation: TKA zuerst erwägen
  • Knie-Hüfte-WS-Syndrom: Ganzheitliche Betrachtung der kinetischen Kette

V. Wissenschaftliche Fundierung und Literatur

  1. Lee CS et al. The effect of simulated knee flexion on sagittal spinal alignment. Eur Spine J 2013;22:1158-1163.
  2. Murata Y et al. The knee-spine syndrome: association between lumbar lordosis and extension of the knee. J Bone Joint Surg Br 2003;85:95-99.
  3. Katsumi R et al. The Influence of Knee Osteoarthritis on Spinopelvic Alignment. J Knee Surg 2023;36:917-924.
  4. Kitagawa A et al. Spinopelvic Alignment and Low Back Pain before and after TKA. Asian Spine J 2021;15:9-16.
  5. Oshima Y et al. Knee-Hip-Spine Syndrome: Improvement following TKA. Adv Orthop 2019;2019:8484938.
  6. Shichman I et al. TKA in patients with lumbar spinal fusion leads to significant changes in PT and SS. Arch Orthop Trauma Surg 2023;143:2103-2110.
  7. Zheng et al. Sagittal alignment of the spine-pelvis-lower extremity axis in severe knee OA. Bone Joint Res 2016;5:198-205.
  8. Park SJ et al. Relationships between changes in flexion contracture and standing flexion angle. Knee 2021;29:280-287.
  9. Braman MS. The Effect of Hamstring Lengthening on Pelvic Tilt and Lumbar Lordosis. UTHSC Dissertations 2016.
  10. Cejudo A et al. The Potential Role of Hamstring Extensibility on Sagittal Pelvic Tilt and LBP. Int J Environ Res Public Health 2021;18:8465.