Implantate und Spinopelvines Alignment in der Hüftendoprothetik: Strategien zur Luxationsprävention beim Hip-Spine-Syndrom

Übersichtsartikel zum Thema Therapie

I. Grundlagen: Die Dynamik des Spinopelvinen Alignments und die Hüfte

Die korrekte Implantatpositionierung ist entscheidend für Stabilität und Langlebigkeit der Hüft-TEP. Moderne Konzepte berücksichtigen die dynamische Interaktion zwischen Wirbelsäule, Becken und Hüfte. Die statische Lewinnek Safe Zone wird zunehmend durch funktionelle, patientenspezifische Zielwerte ersetzt.

Pfannenpositionierung: Definitionen

Parameter Definition
Inklination Neigung der Pfanne in der Frontalebene (Abduktionswinkel)
Anteversion Vorwärtsneigung der Pfanne in der Transversalebene
Ante-Inklination (AI) Kombinierter sagittaler Winkel auf seitlichem Röntgen (Inkl. + AV)
Radiographische AV Gemessen auf a.p.-Röntgen (Murray-Definition)
Operative AV Gemessen intraoperativ relativ zur Körperebene
Funktionelle AV Tatsächliche AV in Stehen/Sitzen unter Berücksichtigung von PT

Einfluss der Beckenneigung auf Pfannenorientierung

Die Beckenneigung verändert die funktionelle Pfannenorientierung erheblich:

  • Pro 1° posteriorer Beckenkippung: +0,7° funktionelle Anteversion
  • Pro 1° posteriorer Beckenkippung: +0,3° funktionelle Inklination
  • Änderung der Inklination von Stehen zu Sitzen: bis zu 18,8° bei Hypermobilen
Mobilitätstyp ΔAnteversion (Stehen→Sitzen) ΔInklination (Stehen→Sitzen)
Steif (ΔPT <10°) 5,8° 2,3°
Normal (ΔPT 10-30°) 12,4° 11,2°
Hypermobil (ΔPT >30°) 19,9° 18,8°

Haffer et al. 2022, n=197 TEP mit EOS-Bildgebung

Zielwerte nach Spinopelvinem Mobilitätstyp

Typ Anteversion Inklination Besonderheit
Normal/Flexibel (1A) 15-25° 35-45° Lewinnek-Zone anwendbar
Steif Balanciert (1B) 25-30° 40-45° Erhöhte AV für Sitzen
Stuck Sitting (2B) 25-35° 40-45° HÖCHSTES RISIKO
Stuck Standing (2A) 10-20° 35-40° Reduzierte AV
Kyphose/Imbalance Individuell Individuell WS-OP erwägen
⚠️

Wichtig: Stuck Sitting (2B)

Bei Stuck Sitting ist das Becken auch im Stehen bereits posterior gekippt. Die Pfanne hat bereits erhöhte funktionelle Anteversion. Eine weitere Erhöhung >35° kann zu anteriorer Instabilität führen!

II. Präoperative Analyse und Risikostratifizierung

Patientenspezifischer Algorithmus

Der patientenspezifische Algorithmus nach Vigdorchik basiert auf präoperativer funktioneller Bildgebung:

  • Schritt 1: Basisziel 40° Inklination / 20° Anteversion im Stehen
  • Schritt 2: Anpassung für APPt (pro 1° APPt: ±0,7° AV, ±0,3° Inkl.)
  • Schritt 3: Anpassung für spinopelvine Mobilität (ΔAPPt vs. Gruppenmittel)
  • Schritt 4: Intraoperative Umsetzung mit Navigation/Robotik

Präoperative Bildgebung

Aufnahme Parameter
Becken a.p. stehend Inklination, Rotation, Beinlänge
Becken lateral stehend PT, SS, LL, PI, APPt, AI
Becken lateral sitzend (90°) PT, SS, APPt sitzend → ΔSS, ΔPT berechnen
CT (optional) Native Femurversion, 3D-Planung, Impingement-Modellierung

Validierung

Vigdorchik et al. 2023 validierten den Algorithmus an 2.457 primären TEP:

  • 22 Revisionen wegen Instabilität (0,88%)
  • Instabile Pfannen: Abweichung vom Zielwert 13,3° Version, 9,1° Inklination
  • Stabile revidierte Pfannen: Abweichung 5,3° Version, 3,2° Inklination
  • Differenz stabil-instabil: 8° Version, 5,9° Inklination

III. Implantatstrategien und Anpassung der Prothesenkomponenten: Vorteile und Nachteile

Kombinierte Anteversion: Konzept

Die kombinierte Anteversion (CA) ist die Summe aus Pfannen- und Schaftanteversion. Sie berücksichtigt, dass beide Komponenten das Impingement-freie Bewegungsausmaß beeinflussen.

Parameter Zielwert
Native kombinierte Anteversion Männer: 25-35° | Frauen: 20-45°
Safe Zone kombinierte Anteversion 25-50°
Optimale funktionelle CA (Stehen) 30-50°
Optimale funktionelle CA (Sitzen) 45-65°
Formel nach Hisatome Pfannen-AV + 0,7 × Schaft-AV = 42°

Femur-First-Technik

Bei der Femur-First-Technik wird zunächst der Schaft implantiert und dessen Anteversion gemessen. Die Pfannenanteversion wird dann angepasst:

  • Schaft-Anteversion messen (Navigation oder CT-Planung)
  • Pfannen-Anteversion = Ziel-CA - Schaft-Anteversion
  • Ziel-CA anpassen an spinopelvine Mobilität

Einfluss der Schaftanteversion

Studien zeigen, dass Schaftanteversion die Hüftbewegung stärker beeinflusst als Pfannenanteversion:

  • Schaftanteversion beeinflusst Kopfposition im Liner beim Sitzen stärker (p=0,0001)
  • Gleiche CA mit unterschiedlicher Komponentenverteilung → unterschiedliche Bewegungsmuster
  • Bei steifer WS: Anpassung beider Komponenten erforderlich

Native Femur-Retroversion

Befund Prävalenz
Normale Femuranteversion (10-20°) 45,4%
Excessive Anteversion (>20°) 9,2%
Native Retroversion (<10°) 45,4%
Retroversion bei steifer WS + Deformität Signifikant häufiger (p=0,003)

Reikerås et al. 2022, n=119 TEP mit präoperativem CT

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Klinische Konsequenz

Bei spinopelviner Pathologie ist native Femur-Retroversion häufiger. Die Klassifikationssysteme sollten um native Femurversion erweitert werden. Präoperatives CT zur Messung der Femurversion erwägen.

Rotationszentrum

Das Rotationszentrum (COR) beeinflusst Gelenkbelastung und Abduktorenfunktion:

  • Erhöhtes COR: Höhere Gelenkreaktorskräfte, erhöhter Abrieb
  • Medialisiertes COR: Reduzierter Abduktoren-Hebelarm
  • Empfehlung: Anatomisches COR rekonstruieren

Toleranzen

Parameter Toleranz
Superiore Verschiebung Bis 3 mm (früher: 13 mm)
Mediale Verschiebung Bis 5 mm (früher: 7,5 mm)
Bei COR >3 mm superior / >5 mm medial Offset-Wiederherstellung <5 mm schwierig

Technologische Unterstützung: Übersicht der Systeme

System Vorteile Limitationen
Konventionell (C-THA) Keine Zusatzkosten, kurze OP-Zeit Variabilität der Positionierung
Navigation (N-THA) Verbesserte Genauigkeit, kein CT Längere OP-Zeit, Pins erforderlich
Robotik (R-THA) Höchste Genauigkeit, spinopelvine Integration Hohe Kosten, Lernkurve
PSI-THA Patientenspezifisch, keine intraop. Arrays Präoperatives CT/MRT erforderlich

Genauigkeit

System Inklination (Fehler) Anteversion (Fehler)
Konventionell ±5-10° ±8-15°
Navigation ±3-5° ±4-6°
Robotik (MAKO) 1,8° ± 2,0° 1,9° ± 2,3°
Portable Navigation 2,8° ± 2,6° 3,9° ± 2,9°

Robotik und Spinopelvine Parameter

Moderne Robotik-Systeme integrieren spinopelvine Parameter:

  • MAKO: CT-basierte Planung mit funktioneller Safe Zone
  • Intraoperatives Feedback zur Pfannenposition
  • Berücksichtigung von PT, ΔSS, CSI in der Planung
  • Luxationsrate: Robotik 0,6% vs. konventionell 2,5% (p<0,001)
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Evidenz: Robotik vs. Konventionell

Illgen et al.: Luxationsrate frühe konventionelle TEP 5%, späte konventionelle TEP 3%, Robotik-TEP 0%. Die verbesserte Positionierung unter Berücksichtigung spinopelviner Parameter senkt das Luxationsrisiko.

Risikofaktoren für Ungenauigkeit

Auch bei Robotik-assistierter TEP gibt es Risikofaktoren:

  • Posteriore Beckenkippung: OR 1,1 (95% CI 1,00-1,23)
  • Anteriorer Zugang: OR 5,1 (95% CI 1,69-15,38) für Ungenauigkeit
  • Adipositas: Kein signifikanter Einfluss bei Robotik

IV. Klinische Handlungsempfehlungen: Die Customized Safe Zone

Intraoperative Landmarken

Transverse Acetabular Ligament (TAL)

  • Natürliche Referenz für Anteversion
  • Luxationsrate mit TAL-Orientierung: 0,6%
  • Limitation: Nicht bei allen Patienten eindeutig identifizierbar

Inklinometer

Inklinometer reduzieren die Variabilität bei Freihand-Positionierung:

  • Digitale Inklinometer präziser als mechanische Guides
  • Berücksichtigung der intraoperativen Beckenposition erforderlich
  • Abgleich mit präoperativ stehender Beckenposition empfohlen

Erhöhte Anteversion nicht immer protektiv

Grosso et al. 2023 analysierten 245 luxierte TEP:

  • 62% der luxierten Pfannen: Innerhalb Safe Zone in Rückenlage
  • 45% der luxierten Pfannen: Innerhalb Safe Zone im Stehen
  • Bei hoher Anteversion (>35°): 60% posteriore, 40% anteriore Luxationen
  • Erhöhte AV kompensiert nicht automatisch spinopelvine Pathologie

Algorithmus bei Spinopelviner Pathologie

Typ Empfehlung Pfanne Zusätzliche Maßnahmen
Flexibel Balanciert Standard Safe Zone Keine
Steif Balanciert AV ↑ (25-30°) High-Offset erwägen
Stuck Sitting AV ↑↑ (Cave: <35°) DM-Pfanne, High-Offset
Stuck Standing AV ↓ (10-20°) Cave: Post. Impingement
Kyphose/Imbalance Individuell planen WS-OP vor/nach TEP

Praktische Empfehlungen

Screening

  • Anamnese: WS-Erkrankung, Fusion, Kyphose, Steifigkeit
  • Klinisch: Stehende Haltung, Flexionskontraktur, Thomas-Test
  • Bildgebung: Laterale Steh-/Sitz-Röntgen bei Risikopatienten

Intraoperative Checkliste

  • Beckenposition verifizieren (APP parallel zum Boden)
  • Präoperative stehende Position reproduzieren (Tisch kippen)
  • TAL identifizieren für Versionsreferenz
  • Bei Femur-First: Schaftanteversion messen
  • Combined Anteversion 25-50° anstreben
  • Osteophyten konsequent entfernen

Wann Navigation/Robotik?

  • Spinopelvine Pathologie (ΔSS <10° oder >30°)
  • LWS-Fusion oder geplante WS-OP
  • Revision wegen Instabilität
  • Komplexe Anatomie (Dysplasie, Deformität)
  • Adipositas (kein Nachteil bei Robotik)

V. Zusammenfassung der wichtigsten Key Facts

  • Funktionelle Pfannenorientierung variiert mit Beckenneigung (0,7° AV pro 1° PT)
  • Combined Anteversion 25-50° anstreben (Stehen: 30-50°, Sitzen: 45-65°)
  • Patientenspezifische Zielwerte basierend auf spinopelviner Mobilität
  • Native Femur-Retroversion bei spinopelviner Pathologie häufiger (45%)
  • Robotik verbessert Positionierungsgenauigkeit (±2° vs. ±5-10°)
  • Luxationsrate Robotik 0,6% vs. konventionell 2,5%
  • Erhöhte Anteversion allein schützt nicht vor Luxation
  • Stuck Sitting = höchstes Risiko → DM-Pfanne erwägen

VI. Wissenschaftliche Fundierung und Literatur

  1. Lewinnek GE et al. Dislocations after total hip-replacement arthroplasties. J Bone Joint Surg Am 1978;60:217-220.
  2. Haffer H et al. Acetabular cup position differs in spinopelvic mobility types. Arch Orthop Trauma Surg 2022;142:2979-2989.
  3. Vigdorchik JM et al. Patient-Specific Targets for Cup Orientation in THA. J Arthroplasty 2023;38:S184-S190.
  4. Meermans G et al. Cup placement in primary THA: how to get it right. EFORT Open Rev 2022;7:365-374.
  5. Dorr LD, Callaghan JJ. Death of the Lewinnek Safe Zone. J Arthroplasty 2019;34:1-2.
  6. Ranawat CS, Maynard MJ. Combined anteversion technique for total hip arthroplasty. Clin Orthop Relat Res 2009;467:119-127.
  7. Pierrepont J et al. The impact of functional combined anteversion on hip ROM. Bone Jt Open 2021;2:834-841.
  8. Grosso MJ et al. Increased Cup Anteversion May Not Prevent Posterior Dislocation. Arthroplast Today 2023;23:101192.
  9. Sharma AK, Vigdorchik JM. Robotic-assisted THA and Spinopelvic Parameters. Hip Pelvis 2024;36:81-91.
  10. Reikerås O et al. Abnormal Spinopelvic Motion and Native Femoral Retroversion. Arthroplast Today 2022;17:71-76.