1. 🧭 Einleitung
Die Pfannenpositionierung im Kontext spinopelviner Pathologie hat in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erhalten. Die Rolle des Femurschafts wird dagegen häufig unterschätzt.
Die kombinierte Anteversion (Pfanne + Schaft) ist jedoch entscheidend für die Hüftstabilität und muss im Kontext der individuellen spinopelvinen Mobilität betrachtet werden.
Kernkonzept
Die kombinierte Anteversion = Pfannenanteversion + Schaftanteversion bestimmt maßgeblich das impingementfreie Bewegungsausmaß und die Stabilität der Hüft-TEP.
2. 📐 Grundlagen der Schaftpositionierung
Kombinierte Anteversion – Zielwerte
| Parameter | Zielwert |
|---|---|
| Kombinierte Anteversion (anatomisch) | 25-50° (Ziel: 35°) |
| Stehend (funktionell) | 30-50° |
| Sitzend (funktionell) | 45-65° |
Optimale Zone für impingementfreies ROM (Dorr et al., Grammatopoulos et al.)
Native Femurversion
Die native Femuranteversion variiert erheblich (-32° bis +40°) und korreliert mit dem spinopelvinen Muster:
| Kategorie | Winkel | Häufigkeit bei THA |
|---|---|---|
| Normale Version | 5-20° | 45% |
| Retroversion | <5° | 45% – häufiger bei steifer WS mit Deformität |
| Exzessive Anteversion | >20° | 9% |
Klinische Relevanz
Patienten mit steifer Wirbelsäule und spinaler Deformität haben signifikant häufiger eine native Femurretroversion (p=0.003). Dies muss bei der Planung der kombinierten Anteversion berücksichtigt werden.
3. 🔄 Schaftanteversion und Spinopelvine Mobilität
Problem bei steifer Wirbelsäule
Bei Patienten mit steifer Wirbelsäule (ΔSS <10°) fehlt die kompensatorische Beckenretroversion im Sitzen. Die Pfanne kann sich nicht öffnen → erhöhtes Risiko für anteriores Impingement und posteriore Luxation.
| Spinopelvine Mobilität | Empfohlene Pfannen-AV | Kombinierte AV |
|---|---|---|
| Normal (ΔSS 10-30°) | 20-25° | 35° (25-45°) |
| Steif (ΔSS <10°) | 25-30° | 35-50° |
| Hypermobil (ΔSS >30°) | 15-20° | 25-35° |
Kompensation durch Schaftversion
Bei eingeschränkter Pfannenpositionierung kann die Schaftanteversion zur Erreichung der Ziel-Kombinierten-Anteversion beitragen:
- Niedrige Pfannenanteversion: Höhere Schaftanteversion anstreben
- Hohe Pfannenanteversion: Niedrigere Schaftanteversion akzeptabel
- Retroversionsgefahr: Niedrige kombinierte Anteversion (<25°) → erhöhtes Risiko für posteriore Luxation
4. ⚖️ Zementfrei vs. Zementiert
Zementfreie Schäfte
Bei zementfreien Schäften ist die Schaftversion weitgehend durch die Anatomie des proximalen Femurkanals vorgegeben:
- Press-fit-Prinzip: Schaft folgt der Flexion und Torsion des Markkanals
- Eingeschränkte Adjustierbarkeit: Gerade Schäfte: minimal; metaphysär-füllende Schäfte: keine
- Hohe Variabilität: Postoperative Schaftanteversion: -19° bis +52° (Literatur)
Wichtig
Die native Femuranteversion korreliert NICHT zuverlässig mit der finalen Schaftanteversion bei zementfreien geraden Schäften. Die Anteversion der finalen Raspel ist der beste Prädiktor für die Schaftanteversion.
Zementierte Schäfte
- Höhere Kontrolle über Schaftversion (10-20° Adjustierbarkeit)
- Zementmantel erlaubt gewünschte Positionierung
- Vorteil bei Patienten mit atypischer Anatomie oder spinopelviner Pathologie
5. 📏 Offset und Stabilität
Bedeutung des Offsets
Der Femur-Offset beeinflusst die Abduktorenspannung, Weichteilspannung und damit die Hüftstabilität:
- High-Offset-Schäfte: Lateralisierung des Rotationszentrums → erhöhte Abduktorenspannung → verbesserte Stabilität
- ROM-Verbesserung: High-Offset: +4,6° bis +14,4° mehr ROM in alle Richtungen
- Impingement-Reduktion: Insbesondere bei superiorem/medialem Rotationszentrum wichtig
Offset bei spinopelviner Pathologie
| Situation | Empfehlung |
|---|---|
| Steife Wirbelsäule | High-Offset erwägen |
| Morbide Adipositas | High-Offset bevorzugen |
| Superiores Rotationszentrum | High-Offset oft notwendig |
6. 🔧 Femur-First-Technik
Die "Femur-First"-Technik basiert auf dem Prinzip, zuerst den Femurschaft zu präparieren und dessen Anteversion zu bestimmen, bevor die Pfanne positioniert wird:
- Femurpräparation und Raspel-Anteversion messen
- Pfannenanteversion an Schaft anpassen zur Erreichung der Ziel-Kombinierten-Anteversion
- Navigation oder intraoperative Messung empfohlen
Praktische Umsetzung
Raspel-Anteversion mittels Navigation messen → Pfannenanteversion = 35° (Ziel) minus Schaft-Anteversion
- Schaftanteversion 10° → Pfannenanteversion 25°
- Schaftanteversion 20° → Pfannenanteversion 15°
7. 🔩 Schaftdesign und Spinopelvine Überlegungen
| Schafttyp | Versionskontrolle | Indikation bei SP-Pathologie |
|---|---|---|
| Gerade, konisch (Corail) | Minimal | Femur-First + Pfannenanpassung |
| Anatomisch (mit Torsion) | Moderat | Bessere Versionswiederherstellung |
| Modular (S-ROM) | Hoch | Maximale Flexibilität |
| Zementiert (Exeter) | Hoch | Gute Kontrolle möglich |
8. 📊 Praktischer Algorithmus
Präoperativ
- Spinopelvine Bildgebung: Stehend und sitzend lateral
- Klassifikation: Steif (<10°), normal (10-30°), hypermobil (>30°)
- CT: Native Femuranteversion bestimmen (bei Robotik/Navigation)
- Ziel-Kombinierte-Anteversion festlegen
Intraoperativ
- Femur-First: Raspel-Anteversion messen
- Pfannenanteversion anpassen (Ziel: 25-50° kombiniert)
- Bei steifer WS: Höhere kombinierte Anteversion (35-50°)
- High-Offset bei Adipositas oder superiorem Rotationszentrum
Zusammenfassung der Kernpunkte
- Kombinierte Anteversion (Pfanne + Schaft) = Schlüssel zur Stabilität
- Zielbereich: 25-50° (funktionell stehend 30-50°, sitzend 45-65°)
- Native Femurretroversion häufiger bei steifer Wirbelsäule mit Deformität
- Zementfreie Schäfte: Eingeschränkte Versionskontrolle → Femur-First-Technik
- High-Offset: Verbessert ROM und Stabilität bei spinopelviner Pathologie
- Bei steifer WS: Höhere kombinierte Anteversion (35-50°) anstreben
9. 📚 Literatur
- Dorr LD et al. Combined Anteversion Technique for Total Hip Arthroplasty. Clin Orthop Relat Res 2009;467:119-127.
- Innmann MM et al. Current concepts in hip-spine relationships. EFORT Open Rev 2022;7:298-312.
- Worlicek M et al. Native femoral anteversion should not be used as reference in cementless THA. BMC Musculoskelet Disord 2016;17:399.
- Grammatopoulos G et al. The impact of functional combined anteversion on hip ROM. Bone Jt Open 2021;2:834-841.
- Deckey DG et al. Abnormal Spinopelvic Motion and Spine Deformity are Associated With Native Femoral Retroversion. Arthroplast Today 2022;17:143-148.
- Klement MR et al. Increased Cup Anteversion May Not Prevent Posterior Dislocation in Patients With Abnormal Spinopelvic Characteristics. J Arthroplasty 2023;38:2028-2034.
- Lum ZC et al. Total Hip Instability and the Spinopelvic Link. Curr Rev Musculoskelet Med 2020;13:425-434.
- Sendtner E et al. Inaccurate offset restoration in THA results in reduced ROM. Sci Rep 2020;10:13208.
- Widmer KH. The impingement-free combined target zone for component positioning in THA. Clin Orthop Relat Res 2020;478:1904-1918.
- Belzunce MA et al. Uncemented femoral stem orientation and position in THA: A CT study. J Orthop Res 2020;38:1686-1695.