Ethnische Unterschiede und Spinopelvines Alignment

Populationsspezifische Variationen in Beckenanatomie und spinopelviner Dynamik – Implikationen für die Hüftendoprothetik

1. 🌐 Einleitung

Die spinopelvine Anatomie und Dynamik zeigt signifikante interethnische Variationen, die zunehmend als relevante Faktoren für die präoperative Planung und Implantatpositionierung in der Hüftendoprothetik erkannt werden. Während die traditionellen "Safe Zones" (z.B. Lewinnek) auf überwiegend kaukasischen Populationen basieren, zeigt die aktuelle Literatur, dass diese Zielwerte möglicherweise nicht universell anwendbar sind.

💡

Kernkonzept

Ethnische Unterschiede in der Beckenanatomie beeinflussen nicht nur statische Parameter wie Pelvic Incidence, sondern auch die dynamische spinopelvine Mobilität und damit die funktionelle Pfannenorientierung in verschiedenen Körperpositionen.

Terminologie und Definitionen

In der wissenschaftlichen Literatur werden verschiedene Begriffe verwendet:

  • Ethnizität: Kulturell-geographische Zugehörigkeit (z.B. "asiatisch", "kaukasisch")
  • Race: Angloamerikanischer Begriff für phänotypische Gruppen
  • Population: Geographisch definierte Kohorte

Diese Arbeit verwendet die Terminologie der jeweiligen Originalstudien und erkennt an, dass "Ethnizität" ein heterogenes Konstrukt mit erheblicher intragruppaler Variabilität darstellt.

2. 📐 Spinopelvine Parameter nach Ethnizität

Übersicht der Normwerte

Eine systematische Übersichtsarbeit von Lukas et al. (2023) analysierte 61 Studien mit über 100 Kohorten und fand folgende Gesamtmittelwerte:

Parameter Alle Ethnien SD
Pelvic Incidence (PI) 48,8° ±10,0°
Sacral Slope (SS) 35,8° ±7,8°
Pelvic Tilt (PT) 14,0° ±7,2°
Lumbar Lordosis (LL) 47,4° ±11,0°

Ethnische Unterschiede in der Pelvic Incidence

Die Pelvic Incidence als anatomischer, unveränderlicher Parameter zeigt die deutlichsten interethnischen Unterschiede:

Population PI (Mittelwert) Quelle
Afroamerikanisch 57,7° Arima et al. 2018
Kaukasisch 52,6° Arima et al. 2018
Mexikanisch 51,9° Zárate-Kalfópulos et al. 2012
Indisch 51,5° Babu et al. 2020
Asiatisch (Japan/China) 48,7° Arima et al. 2018
Türkisch 47,4° Turkish Spinal Surgery 2021
⚠️

Statistische Signifikanz

Die Unterschiede zwischen Afroamerikanern und Kaukasiern (57,7° vs. 52,6°, p = 0,007) sowie zwischen Afroamerikanern und Asiaten (57,7° vs. 48,7°, p < 0,001) sind statistisch hochsignifikant (Arima et al. 2018).

Korrelation PI – Lumbar Lordosis

Die Beziehung zwischen PI und LL variiert ebenfalls ethnisch (Arima et al. 2018):

  • Afroamerikanisch: LL = 0,41 × PI + 33,7
  • Kaukasisch: LL = 0,58 × PI + 24,3
  • Asiatisch: LL = 0,54 × PI + 22,0

Dies bedeutet, dass bei gleichem PI afroamerikanische Patienten tendenziell eine höhere Lordose aufweisen als asiatische Patienten.

3. 🦴 Hüftmorphologie nach Ethnizität

Acetabuläre Anteversion

Die native acetabuläre Anteversion variiert erheblich:

Population Acetabuläre AV Quelle
Chinesisch (Han) 18,8° ± 5,2° Niu et al. 2015
Kaukasisch 20,2° ± 6,1° verschiedene
Kaukasisch (weiblich) 23° (10-53°) Toogood et al. 2009
Kaukasisch (männlich) 18° (7-46°) Toogood et al. 2009

Femuranteversion

Die femorale Torsion zeigt ebenfalls ethnische Variationen:

  • Chinesische Population: Mittelwert 10,6° (Niu et al. 2015)
  • Kaukasische Population: Mittelwert 8-9° (Toogood et al. 2009)
  • Asiatische DDH-Patienten: Erhöhte und variable Femuranteversion (Akiyama et al. 2012)

Geschlechtsunterschiede

Innerhalb ethnischer Gruppen bestehen konsistente Geschlechtsunterschiede:

  • Frauen: Höhere acetabuläre Anteversion (p = 0,02)
  • Männer: Größerer femoraler Offset
  • Frauen: Tendenziell höhere PI-Werte

4. ⏳ Altersabhängige Veränderungen nach Ethnizität

Ein wichtiger Befund der systematischen Review von Lukas et al. (2023) ist, dass asiatische Populationen die größten altersabhängigen Veränderungen der spinopelvinen Parameter zeigen.

Veränderungen pro Dekade

Parameter Alle Ethnien Asiatisch Nicht-Asiatisch
Lumbar Lordosis -1,5° ± 0,3° -1,3° ± 0,3° -0,5° ± 1,3°
Sacral Slope -1,3° ± 0,3° -1,2° ± 0,2° -0,3° ± 0,3°
Pelvic Tilt +1,4° ± 0,1° +1,7° ± 0,2° +1,1° ± 0,1°
Pelvic Incidence +0,2° ± 0,1° +0,2° ± 0,1° +0,2° ± 0,1°
💡

Interpretation

Die stärkeren altersabhängigen Veränderungen bei asiatischen Populationen werden auf den niedrigeren Ausgangs-PI zurückgeführt. Ein niedriger PI bedeutet weniger "Reserve" für kompensatorische Mechanismen, weshalb Alterungseffekte früher und stärker sichtbar werden.

Klinische Konsequenz

Bei älteren asiatischen Patienten ist daher mit:

  • Stärker reduzierter Lordose
  • Erhöhtem Pelvic Tilt (posteriore Beckenkippung)
  • Potenziell eingeschränkter spinopelviner Mobilität

zu rechnen – Faktoren, die das Risiko für eine "Stuck Standing"-Situation (1B nach Vigdorchik) erhöhen können.

5. 🏥 Klinische Relevanz für die Hüftendoprothetik

Implikationen des niedrigen PI (Asiatische Populationen)

Patienten mit niedrigem PI (< 45°), häufiger bei asiatischen Populationen, zeigen:

  • Geringere kompensatorische Kapazität: Weniger Spielraum für Pelvic-Tilt-Anpassungen
  • Höheres Impingement-Risiko: Anterior bei Flexion durch flachere Lordose
  • Frühere Symptomatik: Bei sagittaler Imbalance

Implikationen des hohen PI (Afroamerikanische Populationen)

Patienten mit hohem PI (> 55°), häufiger bei afroamerikanischen Populationen, zeigen:

  • Höhere Lordose: Kompensatorisch erforderlich
  • Größere spinopelvine Mobilität: Mehr "funktionelle Reserve"
  • Potenziell erhöhte funktionelle Anteversion: Im Sitzen durch stärkere posteriore Beckenkippung

Anpassung der Zielanteversion

Basierend auf der Literatur könnte eine ethnisch-informierte Anpassung der Zielwerte erwogen werden:

Situation Konventionelle AV Angepasste Überlegung
Asiatischer Patient, niedriger PI 15-20° Eher am oberen Rand (18-22°) → mehr Flexionsspielraum
Afroamerikanischer Patient, hoher PI 15-20° Individuell, da hohe Mobilität → Standardwerte oft ausreichend
Älterer asiatischer Patient 15-20° Spinopelvine Mobilität prüfen → bei Steifigkeit erhöhte AV
⚠️

Wichtig: Individuelle Evaluation

Ethnizität allein ist kein Ersatz für die individuelle spinopelvine Analyse. Die intraethnische Variabilität ist erheblich. Steh-/Sitz-Aufnahmen und ΔSS-Bestimmung bleiben der Goldstandard.

6. ⚖️ Outcome-Disparitäten nach Ethnizität

Neben anatomischen Unterschieden zeigt die Literatur konsistent Outcome-Disparitäten nach ethnischer Zugehörigkeit, die multifaktoriell bedingt sind.

Komplikationsraten nach TJA (USA-Daten)

Outcome Afroamerikanisch vs. Kaukasisch Hispanisch vs. Kaukasisch
VTE-Rate (THA) Erhöht (p < 0,001) Erhöht (p < 0,001)
Bluttransfusion Erhöht (p < 0,001) Erhöht (p < 0,001)
Entlassung in Reha-Einrichtung OR 1,69 (p < 0,001) Erhöht
30-Tage-Readmission Erhöht Erhöht
Postoperative Infektionen (Revision) Erhöht (p = 0,04)

Funktionelle Outcomes

Interessanterweise zeigen einige Studien (Chisari et al. 2021):

  • Afroamerikanische Patienten haben niedrigere präoperative Scores (HOOS/KOOS)
  • Aber vergleichbare 1-Jahres-Outcomes nach Adjustierung
  • Größere funktionelle Verbesserung (Delta) im Vergleich zur Ausgangssituation

Ursachen der Disparitäten

Die beobachteten Disparitäten sind multifaktoriell und nicht primär anatomisch bedingt:

  • Sozioökonomische Faktoren: Versicherungsstatus, Zugang zur Versorgung
  • Krankenhauswahl: Minoritäten häufiger in Low-Volume-Zentren operiert
  • Komorbidität: Höhere BMI- und ASA-Scores bei einigen Gruppen
  • Verzögerter Eingriff: Spätere Vorstellung mit fortgeschrittener Arthrose
  • Implizite Bias: Dokumentiert in der Arzt-Patient-Kommunikation
🔴

Unterversorgung

Afroamerikanische, hispanische und asiatische Patienten haben signifikant niedrigere TJA-Nutzungsraten als kaukasische Patienten – trotz vergleichbarer oder höherer Arthrose-Prävalenz. Diese Disparität hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten nicht verbessert (Skinner et al.).

7. ✅ Klinische Empfehlungen

Präoperative Evaluation

  1. Spinopelvine Bildgebung: Steh-/Sitz-Aufnahmen unabhängig von Ethnizität bei allen Patienten mit Risikofaktoren
  2. PI-Messung: Berücksichtigung des populationsspezifischen Normwerts bei der Interpretation
  3. ΔSS-Bestimmung: Essentiell zur Klassifikation der spinopelvinen Mobilität
  4. Alter berücksichtigen: Besonders bei asiatischen Patienten > 60 Jahre verstärkte Alterseffekte erwarten

Implantatpositionierung

Patientengruppe Empfehlung
Niedriger PI (< 45°, häufiger asiatisch)
  • Spinopelvine Mobilität sorgfältig evaluieren
  • Bei normaler Mobilität: Standard-Anteversion
  • Bei reduzierter Mobilität: Erhöhte AV (20-25°) erwägen
Hoher PI (> 55°, häufiger afroamerikanisch)
  • Meist gute kompensatorische Kapazität
  • Standard-Anteversion oft ausreichend
  • Individuelle Anpassung bei Komorbiditäten
Ältere asiatische Patienten
  • Erhöhte Wahrscheinlichkeit für spinopelvine Steifigkeit
  • ΔSS-Messung obligat
  • DM bei ΔSS < 10° erwägen

Systemische Empfehlungen

  • Awareness: Ethnische Disparitäten in TJA-Outcomes adressieren
  • Zugang verbessern: Proaktive Aufklärung in unterversorgten Populationen
  • Implizite Bias: Training für Behandlungsteams
  • Forschung: Mehr nicht-kaukasische Populationen in klinische Studien einschließen

Zusammenfassung der Kernpunkte

  • PI variiert ethnisch: Asiatisch < Kaukasisch < Afroamerikanisch
  • Alterseffekte stärker bei Asiaten: Aufgrund niedrigerem PI
  • Ethnizität ≠ Ersatz für individuelle Analyse: Steh-/Sitz-Aufnahmen bleiben Standard
  • Outcome-Disparitäten: Primär sozioökonomisch, nicht anatomisch

8. ⚠️ Limitationen der Evidenz

Methodische Einschränkungen

  • Heterogene Kategorisierung: "Asiatisch" umfasst sehr diverse Populationen (Japan, China, Indien, etc.)
  • Selbstidentifikation: Ethnizität meist selbst berichtet, nicht genetisch definiert
  • Kleine Stichproben: Viele Studien mit < 100 Probanden pro Gruppe
  • Geographische Bias: Kaukasische Kohorten überrepräsentiert
  • Mangelnde Adjustierung: Nicht alle Studien kontrollieren für BMI, Alter, Geschlecht

Widersprüchliche Befunde

Eine Studie in einer heterogenen US-amerikanischen Stadtpopulation (ScienceDirect 2020) fand keine signifikanten Unterschiede in spinopelvinen Parametern zwischen Afroamerikanern, Hispanics und Kaukasiern – im Widerspruch zu anderen Studien. Dies unterstreicht die Komplexität der Thematik.

Klinische Translation

Direkte Evidenz für ethnisch-angepasste Zielwerte in der HTEP fehlt. Die Empfehlungen basieren auf:

  • Extrapolation anatomischer Befunde
  • Theoretischen biomechanischen Überlegungen
  • Expertenmeinungen

Prospektive Studien zur Validierung sind erforderlich.

9. 📚 Literatur

  1. Lukas KJ, Verhaegen JCF, Livock H, Kowalski E, Phan P, Grammatopoulos G. The effect of ethnicity on the age-related changes of spinopelvic characteristics: a systematic review. Bone Joint Res 2023;12(4):231-244.
  2. Arima H, Dimar JR 2nd, Glassman SD, Yamato Y, Matsuyama Y, Mac-Thiong JM, Roussouly P, Cook B, Carreon LY. Differences in lumbar and pelvic parameters among African American, Caucasian and Asian populations. Eur Spine J 2018;27(12):2990-2998.
  3. Zárate-Kalfópulos B, Romero-Vargas S, Otero-Cámara E, Correa V, Reyes-Sánchez A. Differences in pelvic parameters among Mexican, Caucasian, and Asian populations. J Neurosurg Spine 2012;16(5):516-519.
  4. Lonner BS, Auerbach JD, Sponseller P, Rajadhyaksha AD, Newton PO. Variations in pelvic and other sagittal spinal parameters as a function of race in adolescent idiopathic scoliosis. Spine 2010;35(10):E374-377.
  5. Babu S, George B, Gowda BP. Measurement of spinopelvic parameters in healthy adults of Indian origin – A cross sectional study. J Clin Orthop Trauma 2020;11(Suppl 3):S444-S447.
  6. Niu J, Li P, Zhang Y, et al. Femoral version, neck-shaft angle, and acetabular anteversion in Chinese Han population. Medicine (Baltimore) 2015;94(21):e891.
  7. Chisari E, Grosso MJ, Nelson CL, et al. African American patients have improved functional gains and comparable clinical outcomes to Caucasian patients after total hip and knee arthroplasty. J Arthroplasty 2021;36(1):88-92.
  8. Ponce SB, et al. Racial/Ethnic Disparity in Rates and Outcomes of Total Joint Arthroplasty. Clin Orthop Relat Res 2016;474(5):1105-1113.
  9. Skinner J, Zhou W, Weinstein J. The influence of income and race on total knee arthroplasty in the United States. J Bone Joint Surg Am 2006;88(10):2159-2166.
  10. Hasegawa K, et al. Racial differences in whole-body sagittal alignment between Asians and Caucasians based on international multicenter data. Eur Spine J 2023;32(9):3079-3088.