Das CORI Surgical System in der Hüftendoprothetik

Bildfreie Navigation mit RI.HIP für spinopelvin-optimierte Pfannenpositionierung

1. 🧭 Einleitung und Grundlagen

Das CORI Surgical System von Smith+Nephew ist eine modulare Plattform für die computerassistierte Gelenkchirurgie. Mit der Erweiterung RI.HIP NAVIGATION (Real Intelligence) steht seit 2020/2022 ein bildfreies Navigationssystem für die Hüftendoprothetik zur Verfügung, das speziell auf die Herausforderungen der spinopelvinen Dynamik ausgerichtet ist.

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Kernkonzept: Bildfreie Navigation

Im Gegensatz zu CT-basierten Systemen wie MAKO arbeitet RI.HIP NAVIGATION ohne präoperative Schnittbildgebung. Die Registrierung erfolgt intraoperativ durch Abtasten anatomischer Landmarken – ein Ansatz, der die präoperative Logistik vereinfacht und Strahlenexposition reduziert.

Historische Entwicklung

  • 2020: FDA-Zulassung für CORI Surgical System (Knie)
  • 2020: Einführung RI.HIP NAVIGATION als Standalone-Software
  • 2022: Integration von RI.HIP NAVIGATION auf CORI-Plattform
  • 2023: RI.HIP MODELER für präoperative spinopelvine Analyse
  • 2024: KI-gestützte Personalized Planning Features

Systemphilosophie

Das CORI-System verfolgt einen chirurgen-zentrierten Ansatz: Der Operateur behält die vollständige Kontrolle, während das System Echtzeit-Feedback zur Pfannenorientierung liefert. Im Gegensatz zu aktiven Robotersystemen erfolgt keine mechanische Führung der Instrumente – die Präzision entsteht durch visuelle Rückmeldung.

2. 🔧 Systemkomponenten und Setup

Hardware-Komponenten

Komponente Funktion Besonderheit
CORI Cart Mobile Systemeinheit Kompaktestes Footprint im Markt
ATRACSYS Kamera Optisches Tracking 458% schnellere Refresh-Rate vs. NAVIO
Becken-Array Passive Tracker am Beckenkamm Perkutane Fixation möglich
Femur-Array Tracker am distalen Femur Pinless-Option verfügbar
Navigierte Instrumente Pointer, Impactor-Adapter Kompatibel mit Standard-Implantaten

Software-Module für die Hüfte

  • RI.HIP NAVIGATION: Intraoperative Echtzeit-Navigation für Pfannenpositionierung
  • RI.HIP MODELER: Präoperative App zur spinopelvinen Analyse und Impingement-Simulation
  • TraumaCad® Integration: Digitales Templating mit Import in RI.HIP

OR-Setup

Das System ist für Rückenlage (DAA, anterolateral) und Seitenlage (posterior) konzipiert. Der kompakte Footprint ermöglicht den Einsatz in Ambulatory Surgery Centers (ASCs).

Setup-Vorteil

Keine präoperative CT erforderlich – das System kann am OP-Tag ohne Vorlaufzeit eingesetzt werden. Die Registrierung dauert etwa 5-7 Minuten.

3. 📋 Präoperative Planung mit RI.HIP MODELER

Die RI.HIP MODELER App ermöglicht eine strukturierte präoperative Evaluation der spinopelvinen Situation und Impingement-Risiko-Analyse.

Funktionen der App

  • Spinopelvine Klassifikation: Eingabe von ΔSS, PI-LL Mismatch zur Risikostratifizierung
  • Impingement-Analyse: Simulation verschiedener Pfannenpositionen in Flexion/Extension
  • ROM-Vorhersage: Berechnung des erwarteten Bewegungsumfangs
  • Zielposition-Empfehlung: Individualisierte Anteversions-/Inklinationsziele

Workflow der präoperativen Planung

  1. Bildgebung: Stehende + sitzende laterale Beckenaufnahmen zur ΔSS-Bestimmung
  2. Klassifikation: Einordnung nach Vigdorchik (1A/1B/2A/2B)
  3. RI.HIP MODELER: Eingabe der Parameter, Impingement-Simulation
  4. Zieldefinition: Festlegung der individuellen Pfannenorientierung
  5. TraumaCad® Templating: Digitale Planung mit Export an RI.HIP
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Wichtig: Präoperative Bildgebung

Obwohl das System "bildfrei" arbeitet, ist für die spinopelvine Analyse eine präoperative Steh-/Sitz-Aufnahme unbedingt empfohlen – insbesondere bei Risikopatienten (LWS-Fusion, degenerative WS-Erkrankung).

4. 🔄 Operativer Workflow – Schritt für Schritt

Phase 1: Array-Fixation und Registrierung

  1. Becken-Array: Fixation am ipsilateralen Beckenkamm (2 Pins)
  2. Femur-Array: Distale Femur-Fixation oder Pinless-Option
  3. Landmarken-Registrierung:
    • Beide ASIS (Anterior Superior Iliac Spine)
    • Symphyse (Mittelpunkt zwischen Tubercula pubica)
    • → Definition der Anterior Pelvic Plane (APP)

Phase 2: Pfannen-Navigation

Schritt System-Feedback Ziel
Acetabulum-Präparation Standard-Technik
Impactor mit Tracker Echtzeit-Anzeige Inkl./AV Zielposition erreichen
Pfannen-Implantation Live-Visualisierung Finale Position validieren
Pelvic-Tilt-Korrektur APP-korrigierte Ansicht Funktionelle Position prüfen

Phase 3: Beinlänge und Offset

Das System ermöglicht die digitale Messung von Beinlänge und Offset vor und nach Probeimplantation – deutlich genauer als konventionelle Techniken.

Besonderheit: Dual-View-Anzeige

RI.HIP bietet eine simultane Darstellung der Pfannenorientierung:

  • Relative zur APP: Anatomische Referenz
  • Pelvic-Tilt-korrigiert: Wie auf postoperativem Röntgen erscheinend
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Klinischer Vorteil

Die Dual-View-Anzeige berücksichtigt die individuelle Beckenkippung und ermöglicht eine Vorhersage der postoperativen Röntgenerscheinung – essentiell bei Patienten mit abnormem Pelvic Tilt.

5. 🎯 Spinopelvine Integration: Der Kernvorteil

Die Integration spinopelviner Parameter unterscheidet moderne Navigationssysteme von einfachen "Safe Zone"-Ansätzen. RI.HIP adressiert dieses Thema auf mehreren Ebenen.

Berücksichtigung des Pelvic Tilt

Jeder Grad Beckenkippung verändert die funktionelle Pfannenposition:

  • 1° Pelvic Tilt = ca. 0,8° Anteversionsänderung
  • 1° Pelvic Tilt = ca. 0,3° Inklinationsänderung

RI.HIP misst den intraoperativen Pelvic Tilt und korrigiert die Anzeige entsprechend – entscheidend bei Patienten, die in Rückenlage einen anderen Tilt haben als im Stehen.

Anpassung nach Hip-Spine-Klassifikation

Klassifikation Ziel-Anteversion RI.HIP-Strategie
1A (Normal/Normal) 15-20° Standard-Zielwerte
1B "Stuck Standing" 20-25° Erhöhte AV, Tilt-Korrektur beachten
2A (Deformität/Normal) Individuell PI-LL-Korrektur berücksichtigen
2B "Stuck Sitting" 15-20° Reduzierte AV, DM erwägen

Impingement-freie Zone

Der RI.HIP MODELER berechnet für jeden Patienten die individualisierte impingement-freie Zone basierend auf:

  • Spinopelviner Mobilität (ΔSS)
  • Schaftanteversion (kombinierte Anteversion)
  • Erwarteter ROM in Alltagsaktivitäten

Evidenz: Individualisierung reduziert Impingement

Studien zeigen, dass individualisierte Pfannenpositionierung basierend auf spinopelviner Analyse das Impingement-Risiko auf 9% reduziert – verglichen mit 18-61% bei vordefinierten Zielpositionen (Vigdorchik et al. 2023).

6. 📊 Klinische Evidenz und Outcomes

NJR-Registeranalyse (Davis et al. 2021)

Die bislang größte Studie zur computerassistierten THA mit Smith+Nephew-Implantaten basiert auf Daten des National Joint Registry (England, Wales, Nordirland):

Parameter Computer-navigiert Konventionell p-Wert
Revisionsrate 10 Jahre 1,06% 3,88% 0,005
Relatives Revisionsrisiko 55% Reduktion 0,038
Patientenzufriedenheit Signifikant höher Referenz 0,003

Genauigkeit bildfreier Navigation

Eine große Single-Surgeon-Studie (367 navigierte HTEP mit PiGalileo/Smith+Nephew) zeigte:

  • Outlier-Rate Inklination: 1,9% (>10° Abweichung)
  • Outlier-Rate Anteversion: 1,63% (>10° Abweichung)
  • Mittlere Abweichung: Inklination 2,5° ± 3,1° / Anteversion 3,4° ± 5,3°
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Einordnung der Genauigkeit

Die Genauigkeit bildfreier Systeme ist etwas geringer als CT-basierte Navigation, liegt aber im klinisch akzeptablen Bereich. Der Hauptvorteil liegt in der Reduktion von Ausreißern und der Berücksichtigung des individuellen Pelvic Tilt.

Lernkurve

Studien zur Smith+Nephew-Navigation zeigen eine Lernkurve von etwa 20-30 Fällen bis zur vollen Systemkompetenz, mit stabiler Genauigkeit danach.

7. ⚖️ Systemvergleich: CORI vs. Andere Plattformen

Merkmal CORI/RI.HIP MAKO (Stryker) ROSA Hip (Zimmer)
Bildgebung Bildfrei CT-basiert Fluoroskopie-basiert
Robotik-Typ Navigation (passiv) Haptisch (semi-aktiv) Navigation (passiv)
Pfannenfräsung Manuell Roboter-geführt Manuell
Präop. Aufwand Minimal CT erforderlich Minimal
Pelvic-Tilt-Korrektur Ja (Dual-View) Ja (CT-Planung) Ja
Spinopelvine App RI.HIP MODELER Hip-Spine-Modul
ASC-Eignung Sehr gut Eingeschränkt Gut
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Positionierung im Markt

CORI/RI.HIP positioniert sich als kosteneffiziente, workflow-optimierte Lösung für Kliniken und ASCs, die Navigationstechnologie ohne den Overhead CT-basierter Systeme einsetzen möchten. Die Plattform ist besonders attraktiv für Operateure, die bereits das CORI-System für Knie-Eingriffe nutzen.

8. ⚠️ Limitationen und Kontraindikationen

Systembedingte Limitationen

  • Keine robotische Pfannenfräsung: Präzision der Kavität hängt vom Operateur ab
  • Registrierungsabhängigkeit: Genauigkeit abhängig von korrekter Landmarken-Identifikation
  • APP-basierte Fehlerquelle: Bei Adipositas oder Deformitäten kann die APP-Registrierung erschwert sein
  • Keine Schaft-Navigation: Femurkomponente wird konventionell implantiert

Patientenspezifische Limitationen

Situation Herausforderung Empfehlung
Schwere Adipositas ASIS/Symphyse schwer palpabel Alternative Registrierung erwägen
Beckendeformität APP nicht definierbar CT-basiertes System bevorzugen
Ankylosierende Spondylitis Fixierte Kyphose, kein Pelvic Tilt Erhöhte AV planen, DM erwägen
Revision mit Defekten Registrierung möglicherweise unzuverlässig CT-basiertes System erwägen

Kontraindikationen

  • Nicht identifizierbare anatomische Landmarken (ASIS, Symphyse)
  • Schwere Beckeninstabilität oder -frakturen
  • Infizierte Hüfte (relative Kontraindikation – Array-Platzierung)

9. ✅ Klinische Empfehlungen

Wann ist CORI/RI.HIP besonders geeignet?

Ideale Indikationen

  • Primäre HTEP bei Patienten mit normalem bis moderatem spinopelvinem Risiko
  • Ambulante Settings (ASCs) mit Bedarf nach kompakter, effizienter Technologie
  • Kliniken, die bereits CORI für Knie nutzen (Plattform-Synergien)
  • Anteriorer/anterolateraler Zugang in Rückenlage
  • Operateure, die Echtzeit-Feedback ohne robotische Kontrolle bevorzugen

Wann sollte ein CT-basiertes System erwogen werden?

  • Komplexe Dysplasie mit erheblicher Acetabulum-Deformität
  • Revision mit großen Knochendefekten
  • Patienten mit schwer identifizierbaren Landmarken
  • Wunsch nach robotischer Pfannenfräsung

Workflow-Empfehlungen

  1. Präoperativ: Steh-/Sitz-Aufnahmen für ΔSS-Bestimmung bei allen Risikopatienten
  2. RI.HIP MODELER: Impingement-Analyse bei ΔSS <10° oder >30°
  3. Intraoperativ: Dual-View-Anzeige nutzen, Pelvic-Tilt-korrigierte Position dokumentieren
  4. Beinlänge: Digitale Messung vor und nach Trial nutzen
  5. Hochrisiko: Bei 1B/2B-Patienten Dual-Mobility erwägen – unabhängig von Navigation

Zusammenfassung der Kernpunkte

Aspekt CORI/RI.HIP Empfehlung
Bildgebung Keine CT erforderlich; Steh-/Sitz-Röntgen für spinopelvine Analyse empfohlen
Zielwerte Individualisiert nach Hip-Spine-Klassifikation, nicht "Safe Zone"
Pelvic Tilt Intraoperative Messung und Korrektur nutzen
Dual-Mobility Bei 1B/2B unabhängig von Navigationstechnologie erwägen
Dokumentation Finale Position relativ zu APP UND Tilt-korrigiert dokumentieren

10. 📚 Literatur

  1. Davis ET, McKinney KD, Kamali A, Kuljaca S, Pagkalos J. Computer guided total hip arthroplasty is associated with a reduced risk of revision and increased patient satisfaction. World Arthroplasty Congress 2021 (Poster).
  2. Innmann MM, Streit MR, Kolb J, et al. Image-Less THA Cup Navigation in Clinical Routine Setup: Individual Adjustments, Accuracy, Precision, and Robustness. Medicina (Kaunas) 2022;58(6):832.
  3. Vigdorchik JM, Sharma AK, Elbuluk AM, et al. Does Individualization of Cup Position Affect Prosthetic or Bone Impingement Following Total Hip Arthroplasty? J Arthroplasty 2023;38(7):1324-1330.
  4. Babisch JW, Layher F, Amiot LP. The rationale for tilt-adjusted acetabular cup navigation. J Bone Joint Surg Am 2008;90(2):357-365.
  5. Grammatopoulos G, Gofton W, Cochrane S, et al. Spinopelvic challenges in primary total hip arthroplasty. EFORT Open Rev 2023;8(5):298-312.
  6. Stefl M, Lundergan W, Heckmann N, et al. Spinopelvic mobility and acetabular component position for total hip arthroplasty. Bone Joint J 2017;99-B(1 Supple A):37-45.
  7. Naito Y, Hasegawa M, Tone S, et al. The accuracy of acetabular cup placement in primary total hip arthroplasty using an image-free navigation system. BMC Musculoskelet Disord 2021;22(1):1035.
  8. Sharma AK, Vigdorchik JM. Hip-Spine Relationship: A Review. Arthroplasty 2022;4(1):21.
  9. Smith+Nephew. RI.HIP NAVIGATION Surgical Technique – Supine Position. Surgical Technique Guide 2022.
  10. Meermans G, Van Doorn WJ, Witjes S. Cup placement in primary total hip arthroplasty: how to get it right without navigation or robotics. EFORT Open Rev 2022;7(6):421-431.