Spinopelvines Alignment in der Hüftendoprothetik

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Einleitung

Das spinopelvine Alignment ist in den letzten Jahren als weiterer Faktor für den Erfolg der Hüftendoprothetik wissenschaftlich sowie klinisch in den Vordergrund gerückt. Die dynamische Interaktion zwischen Wirbelsäule, Becken und Hüftgelenk beeinflusst maßgeblich die funktionelle Orientierung der Pfannenkomponente und damit das Luxationsrisiko.

Die Hüftendoprothetik zählt zu einer der erfolgreichsten Operationsverfahren. Dennoch bleibt die postoperative Instabilität mit konsekutiver Luxation eine der häufigsten Komplikationen und stellt den führenden Grund für Revisionsoperationen dar. Laut dem Australian Orthopaedic Association National Joint Replacement Registry (AOANJRR) ist die Luxation eine der häufigsten Ursachen für Hüftrevisionen. Das American Joint Replacement Registry (AJRR) dokumentiert, dass Instabilität mit 21,9% zu den drei häufigsten Gründen für Frührevisionen zählt. Aktuelle EPRD Register Daten zeigen, dass ca. 14% aller Revisionsoperationen auf Luxationen zurückzuführen sind.

Die traditionelle Positionierung der Pfannenkomponente basierte jahrzehntelang auf der von Lewinnek et al. 1978 definierten Safe Zone mit einer Inklination von 40 ± 10° und einer Anteversion von 15 ± 10°. Neuere Studien zeigen jedoch, dass ein erheblicher Anteil der Luxationen bei Patienten auftritt, deren Pfannen innerhalb dieser vermeintlich sicheren Zone implantiert wurden. Abdel et al. berichteten, dass die Mehrheit der instabilen Hüften Komponenten innerhalb der Lewinnek-Zone aufwies.

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Paradigmenwechsel

Bis zu 70% der Revisionen aufgrund von Luxationen und 87,5% der Spätluxationen werden mittlerweile mit einem gestörten spinopelvinen Gleichgewicht in Verbindung gebracht.

Einflussfaktoren auf das Luxationsrisiko

Die Ätiologie der Hüftluxation nach Endoprothetik ist multifaktoriell. Eine umfassende Metaanalyse von Kunutsor et al., die 125 Studien mit etwa fünf Millionen Hüftprothesen einschloss, identifizierte patientenbezogene, operationstechnische und implantatspezifische Risikofaktoren:

Kategorie Risikofaktor Relatives Risiko
Patientenbezogen Höheres Alter OR 1,04 pro Lebensjahr
Patientenbezogen Schenkelhalsfraktur RR 2,03
Patientenbezogen Rheumatoide Arthritis RR 1,94–2,01
Patientenbezogen Avaskuläre Nekrose RR 1,57–1,71
Operationstechnisch Posteriorer Zugang (5-J-Rate) 3,0%
Operationstechnisch Lateraler Zugang (5-J-Rate) 0,7%
Operationstechnisch Direkter anteriorer Zugang (5-J-Rate) 0,4%
Operationstechnisch Kapselrekonstruktion posterior RR 0,28
Implantatbezogen 36mm vs. 32mm Kopf RR 0,66
Implantatbezogen Dual-Mobility-Pfanne RR 0,44

Anatomische und biomechanische Grundlagen

Der lumbopelvine Komplex

Wirbelsäule, Becken und Hüftgelenke bilden eine funktionelle Einheit, den sogenannten lumbopelvinen Komplex (LPC). Beim Übergang vom Stehen zum Sitzen findet eine koordinierte Bewegung statt: Die Hüfte flektiert etwa 55–70°, das Becken kippt nach posterior (posteriore Beckenneigung) um ca. 20°, und die Lendenlordose nimmt um etwa 20° ab. Diese synergistische Bewegung ermöglicht es, dass der Oberschenkel in der Sitzposition horizontal liegt, ohne dass es zu einem anterioren Impingement zwischen Femurhals und Pfannenrand kommt.

Da die Pfannenkomponente fest mit dem Becken verbunden ist, ändert sich ihre räumliche Orientierung mit jeder Beckenkippung im Verhältnis 1:1. Eine posteriore Beckenkippung führt zu einer Zunahme der funktionellen Anteversion, während eine anteriore Beckenkippung diese reduziert. Diese dynamische Veränderung wird als funktionelle Pfannenorientierung bezeichnet und unterscheidet sich von der anatomisch-statischen Implantationsposition.

Biomechanische Veränderungen bei Coxarthrose

Bei fortgeschrittener Coxarthrose führt der zunehmende Bewegungsverlust des Hüftgelenks zu charakteristischen Kompensationsmechanismen innerhalb des lumbopelvinen Komplexes. Die typische Hüftbeugekontraktur verursacht eine anteriore Beckenkippung (vermehrte Anteversion) mit konsekutiver Hyperlordose der Lendenwirbelsäule, um den aufrechten Stand zu erhalten. Gleichzeitig muss beim Sitzen die eingeschränkte Hüftflexion durch eine verstärkte posteriore Beckenkippung und Abflachung der Lendenlordose kompensiert werden.

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Dekompensation

Ist die spinopelvine Kompensationskapazität erschöpft – sei es durch vorbestehende lumbale Degeneration, Spondylodese oder altersbedingten Mobilitätsverlust – gerät das System in eine Dekompensation. Das Becken kann dann nicht mehr adäquat auf Positionswechsel reagieren, was zu einer fixierten funktionellen Pfannenorientierung führt.

Stuck Sitting vs. Stuck Standing

  • Stuck Sitting: Bei steifer Wirbelsäule mit posteriorer Beckenfixation bleibt die Pfanne auch im Stehen in vermehrter Anteversion, wodurch ein posteriores Impingement und eine anteriore Luxation begünstigt werden.
  • Stuck Standing: Eine fixierte anteriore Beckenkippung führt zu verminderter funktioneller Anteversion im Sitzen mit dem Risiko eines anterioren Impingements und einer posterioren Luxation.

Spinopelvine Parameter

Für die Beurteilung der spinopelvinen Beziehung haben sich folgende radiologische Parameter etabliert:

Parameter Definition Normalwert
Pelvic Incidence (PI) Winkel zwischen einer Senkrechten auf die Deckplatte von S1 und der Verbindungslinie zum Hüftkopfzentrum 42–64° (individuell fixiert)
Sacral Slope (SS) Neigung der Sakrumdeckplatte zur Horizontalen 30–45° stehend
Pelvic Tilt (PT) Winkel zwischen der Vertikalen und der Verbindungslinie vom Mittelpunkt der Sakrumdeckplatte zum Hüftkopfzentrum 10–20° stehend
Lumbale Lordose (LL) Sagittale Krümmung der LWS zwischen L1 und S1 PI ± 10°
PI-LL Mismatch Differenz zwischen PI und LL < 10° (balanciert)
ΔSS Änderung SS Stehend→Sitzend 10–30° (normal)

Es gilt die mathematische Beziehung: PI = PT + SS. Diese Formel verdeutlicht, dass bei fixierter PI eine Veränderung des PT zwangsläufig mit einer gegenläufigen Veränderung des SS einhergeht. Ein PI-LL-Mismatch von mehr als 10° wird als pathologisch angesehen und deutet auf ein sagittales Ungleichgewicht (Flatback-Deformität) hin.

Klassifikationssysteme

Die Dorr-Klassifikation

Die von Dorr und Mitarbeitern entwickelte Klassifikation integriert die Beckenposition und -mobilität in ein praxisorientiertes System für die präoperative Planung:

Kategorie Kriterien Risiko
Normal Ausgeglichene Position mit ΔSS 10–30° Niedrig
Steif ΔSS < 10° Erhöht (Impingement-Risiko)
Hypermobil ΔSS > 35° Erhöht (exzessive Bewegung)
Stuck Standing Fixierte anteriore Position bei hoher PI Hoch
Stuck Sitting Fixierte posteriore Position bei niedriger PI Hoch
Fusioniert Aufgehobene Mobilität nach Spondylodese Sehr hoch

Die Hip-Spine-Klassifikation

Die Hip-Spine-Klassifikation wurde als praxisorientiertes System entwickelt, um Patienten anhand ihrer spinopelvinen Charakteristika präoperativ zu stratifizieren. Das System basiert auf zwei Hauptkriterien: dem Vorliegen einer spinalen Deformität (PI-LL > 10° oder PT > 25°) und dem Ausmaß der spinopelvinen Mobilität (ΔSS).

Gruppe Beschreibung Empfehlung
1A Normale Balance, normale Mobilität Standard-Positionierung
1B Normale Balance, abnorme Mobilität (steif/hypermobil) Angepasste Version
2A Spinale Deformität, normale Mobilität Individualisierte Planung
2B Spinale Deformität, abnorme Mobilität DM-Pfanne erwägen

Validiert an 2.081 Patienten mit niedrigen Luxationsraten auch für Hochrisikopatienten bei entsprechender Therapieanpassung.

Diagnostik und präoperative Evaluation

Das Problem der okkulten spinopelvinen Pathologie

Eine zentrale Herausforderung in der präoperativen Risikostratifizierung besteht darin, dass die Mehrheit der Patienten mit pathologischer spinopelviner Mobilität nicht durch eine gezielte Anamnese identifiziert werden kann. Während die vorangegangene instrumentierte Wirbelsäulenfusion einen bekannten Risikofaktor darstellt, betrifft sie nur etwa 19% der Patienten mit funktioneller Wirbelsäulensteifigkeit. Der weitaus größere Anteil – schätzungsweise 81% – weist eine degenerativ bedingte funktionelle Einsteifung der Lendenwirbelsäule auf.

Altersabhängige Prävalenz degenerativer Veränderungen

Befund 20-Jährige 80-Jährige
Bandscheibendegeneration 37% 96%
Bandscheibenprotrusionen 29% 43%
Facettengelenkdegeneration 83%

Indirekte radiologische Zeichen auf der a.p.-Beckenübersicht

Die Standard-Beckenübersichtsaufnahme im Stehen liefert bereits wichtige indirekte Hinweise auf eine pathologische spinopelvine Situation:

  • Outlet-Projektion: Überlagerung des sakrokokzygealen Übergangs mit der Symphyse (in ≥79% mit abnormaler spinopelviner Beziehung assoziiert)
  • PSCD (Pubic Symphysis to Sacrococcygeal junction Distance): Verminderte oder negative Distanz zeigt posteriore Beckenkippung an
  • SFP-Winkel (Sakro-Femoral-Pubic): < 60° zeigt hohe Sensitivität (85%) für erhöhten Pelvic Tilt
  • TTPS/TT-Ratio: Starke Korrelation mit Pelvic Tilt (r = 0,785)
  • Degenerative Zeichen: Lumbale Osteophyten, Bandscheibenhöhenminderung >2 Segmente, Skoliose >5°

Praktisches Screening-Vorgehen

Bei allen Patienten sollte die Standard-Beckenübersicht auf die oben genannten indirekten Zeichen evaluiert werden. Eine erweiterte spinopelvine Diagnostik mittels seitlicher Steh-Sitz-Aufnahmen ist indiziert bei:

  1. Überlagerung Sakrokokzygealgelenk/Symphyse auf der a.p.-Aufnahme
  2. SFP-Winkel < 60°
  3. Sichtbare lumbosakrale Hardware
  4. Multileveliger Bandscheibendegeneration mit L5/S1-Beteiligung
  5. Anamnestisch bekannte Wirbelsäulenoperation oder chronischer Rückenschmerz
  6. Alter > 70 Jahre mit klinischem Verdacht auf spinale Pathologie

Interaktiver Klassifikationsrechner

Die Berechnung der Hip-Spine-Klassifikation erfolgt anhand folgender Schritte:

Schritt 1: Spinale Deformität bestimmen

  • PI-LL Mismatch berechnen (PI = SS + PT)
  • Typ 1 (Normal): PI-LL ≤ 10°
  • Typ 2 (Flatback): PI-LL > 10° oder PT > 25°

Schritt 2: Spinale Mobilität bestimmen

  • ΔSS berechnen (SS stehend – SS sitzend)
  • Typ A (Normal): ΔSS > 10°
  • Typ B (Steif): ΔSS ≤ 10°

Schritt 3: Gruppe zuordnen

Normal (A): ΔSS >10° Steif (B): ΔSS ≤10°
Normal (1): PI-LL ≤10° 1A – Standard 1B – ↑ Anteversion
Flatback (2): PI-LL >10° 2A – Individuell 2B – DM-Pfanne

Therapeutische Implikationen

Individualisierte Pfannenpositionierung

Die traditionellen Safe Zones nach Lewinnek berücksichtigen die dynamische Veränderung der Pfannenorientierung bei Positionswechseln nicht. Studien zeigen, dass 58–69% aller Luxationen bei Pfannen auftreten, die innerhalb dieser vermeintlich sicheren Zone implantiert wurden.

Patientengruppe Anteversion Inklination
Standard (1A) 20–25° 40–45°
Steife WS (1B) 25–30° 45°
Stuck Sitting 30–35° 45°
Hypermobil 15–20° 40°
Sagittales Ungleichgewicht Individuell 45–50°

Dual-Mobility-Pfannen

Dual-Mobility-Pfannen haben sich als hocheffektive Option zur Prävention und Behandlung der Instabilität bei Hochrisikopatienten etabliert. Die Metaanalyse von Kunutsor et al. zeigte ein um 56% reduziertes Luxationsrisiko (RR 0,44) für Dual-Mobility-Pfannen im Vergleich zu konventionellen Implantaten.

Indikationen für Dual-Mobility-Pfannen

  • Vorherige Wirbelsäulenfusion (insbesondere lange Fusionen mit sakraler Verankerung)
  • Pathologische spinopelvine Mobilität (Steifigkeit oder Hypermobilität)
  • Revision aufgrund von rezidivierender Instabilität
  • Neuromuskuläre Erkrankungen (Morbus Parkinson, Demenz, Zerebralparese)
  • Schenkelhalsfraktur bei älteren Patienten
  • Abduktoreninsuffizienz
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Evidenz bei spinopelviner Pathologie

Heckmann et al. untersuchten 93 Patienten mit vorheriger lumbaler Spondylodese, die eine Hüft-TEP mit Dual-Mobility-Pfanne erhielten, und fanden keine einzige Luxation bei einem Follow-up von 2,7 Jahren. Dagegen lag die Luxationsrate in der Vergleichsgruppe mit konventionellen Pfannen bei 7,8%.

Robotik und Navigation

Die robotergestützte und navigierte Hüftendoprothetik ermöglicht eine präzisere Umsetzung der präoperativen Planung. Konventionelle manuelle Implantationstechniken zeigen eine erhebliche Streuung der erreichten Pfannenposition mit Abweichungen von ± 10° von der geplanten Anteversion. Robotergestützte Systeme reduzieren diese Variabilität signifikant auf ca. 2,3° mittlere Abweichung.

Moderne Robotersysteme (Mako, ROSA Hip, Velys) integrieren zunehmend die spinopelvine Analyse in ihre Planungsalgorithmen und ermöglichen die Simulation der funktionellen Pfannenorientierung in verschiedenen Körperpositionen.

Key Messages

  • Bis zu 90% der Spätluxationen haben eine spinopelvine Komponente
  • 81% der Patienten mit funktioneller WS-Steifigkeit haben keine dokumentierte Fusion
  • Die Lewinnek Safe Zone ist für Risikopatienten nicht ausreichend
  • Indirekte Zeichen auf der a.p.-Aufnahme können Risikopatienten identifizieren
  • Hip-Spine-Klassifikation: Validiertes System zur Risikostratifizierung
  • Gruppe 2B (Flatback + Steif) = höchstes Risiko → DM-Pfanne erwägen
  • Dual-Mobility reduziert Luxationsrisiko um 56% (RR 0,44)
  • Robotik verbessert die Präzision der Pfannenpositionierung

Literatur

  1. Australian Orthopaedic Association National Joint Replacement Registry (AOANJRR). Annual Report 2023.
  2. American Joint Replacement Registry (AJRR). Annual Report 2023.
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