Adipositas und HTEP: Die unterschätzte Komplexität des spinopelvinen Systems

Implikationen für die Hüftendoprothetik: Biomechanik, Risiken und Strategien

1. 🧭 Einleitung

Adipöse Patienten weisen nach Hüft-TEP ein ca. 2-fach erhöhtes Luxationsrisiko auf. Die Gründe sind multifaktoriell und umfassen mechanische sowie spinopelvine Faktoren.

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Klinische Relevanz

Die Kombination aus veränderter Sitz-Stand-Dynamik, Weichteilimpingement und erschwerter intraoperativer Pfannenpositionierung macht adipöse Patienten zu einer Hochrisikogruppe für Luxationen.

2. 📊 BMI-Klassifikation

Kategorie BMI (kg/m²) Relevanz für TEP
Normalgewicht 18,5-24,9 Referenzgruppe
Übergewicht 25,0-29,9 Leicht erhöhtes Risiko
Adipositas I 30,0-34,9 Erhöhtes Komplikationsrisiko
Adipositas II 35,0-39,9 Erhöhtes Risiko für Pfannenfehlstellung
Adipositas III (morbid) ≥40 Höchstes Luxationsrisiko (Weichteilimpingement)

3. 🔄 Spinopelvine Charakteristika

Stehende Position

Im Stehen sind die statischen spinopelvinen Parameter (PI, PT, SS, LL) zwischen normalgewichtigen und adipösen Patienten weitgehend vergleichbar. Allerdings zeigen adipöse Patienten häufig eine signifikant erhöhte sagittale Imbalance (C7-SVA) und PI-LL-Mismatch.

Sitz-Stand-Dynamik – Der entscheidende Unterschied

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Adipositas-spezifischer Mechanismus

Adipöse Patienten kompensieren anteriores Weichteilimpingement (Oberschenkel-Bauch-Kontakt) durch verstärkte posteriore Beckenkippung im Sitzen. Dies erhöht die funktionelle Pfannenanteversion – protektiv gegen anteriores Impingement, aber Risikofaktor für posteriore Instabilität.

Sitz-Stand-Veränderungen nach BMI

Parameter Normal Übergewicht Adipös
ΔSPT Stehen→Sitzen Referenz Erhöht ↑↑ (p=0.006)
ΔLL L1-L4 (°) -4,8 ± 7,0 -6,2 ± 8,2 -9,7 ± 8,6
Hüftflexion Referenz ↓↓ (p<0.001)

Tabelle: Sitz-Stand-Veränderungen nach BMI (Buckland et al. 2020)

4. ⚙️ Biomechanik: Oberschenkel-Impingement

Eine FE-Analyse (Elkins et al.) zeigte: Bei BMI ≥40 erzeugt Oberschenkel-zu-Oberschenkel-Kontakt eine lateral gerichtete Kraft beim Aufstehen, die den Femurkopf aus der Pfanne drückt – unabhängig von der Prothesenpositionierung.

Faktor Auswirkung bei morbider Adipositas
Kopfgröße Kein wesentlicher Stabilitätsvorteil bei diesem Mechanismus
High-Offset-Hälse Reduzieren das Luxationsrisiko signifikant
Reduzierte Inklination Verbessert Stabilität bei morbider Adipositas

5. 🔪 Intraoperative Herausforderungen

Adipöse Patienten haben ein erhöhtes Risiko für Pfannenfehlstellungen:

  • Tendenz zu erhöhter Inklination und Unteranteversion bei BMI ≥35
  • Erschwerte Beckenstabilisierung und Landmarkenidentifikation
  • Navigation/Robotik eliminiert BMI-bedingte Ungenauigkeit
💡

Technologie-Tipp

CT-Navigation und 3D-optische Navigation zeigen keine BMI-abhängigen Unterschiede in der Pfannengenauigkeit – ein wichtiger Vorteil bei adipösen Patienten.

6. ⚠️ Komplikationsraten

Komplikation Relatives Risiko 95% CI
Luxation 2,08 1,54-2,81
Tiefe Infektion 2,92 0,74-11,49
Aseptische Lockerung 1,56 1,04-2,35
VTE 1,79 1,02-3,13

Meta-Analyse: Liu et al. 2015, 11.271 TEP

7. ✅ Strategien zur Risikoreduktion

Dual-Mobility-Pfannen

Dual-Mobility eliminiert das adipositas-assoziierte Luxationsrisiko effektiv:

Situation Standard-Pfanne Dual-Mobility
Primär-TEP (adipös vs. nicht-adipös) 1,3% vs. 0,23% (n.s.)
Revisions-TEP (5-Jahres-Luxation) 21,8% 2,8%

Wichtige Erkenntnis

Dual-Mobility-Pfannen sind effektiver als präoperative bariatrische Chirurgie zur Luxationsprävention!

Empfehlung

Bei BMI ≥35 und/oder Zusatzrisiken (Wirbelsäulenversteifung, neuromuskuläre Erkrankung) → Dual-Mobility-Pfanne erwägen. High-Offset-Hälse und reduzierte Inklination (<45°) bei morbider Adipositas bevorzugen.

Navigation/Robotik

  • CT-Navigation: Keine BMI-abhängigen Unterschiede in Pfannengenauigkeit
  • 3D-optische Navigation: Eliminiert Adipositas-assoziierte Fehlstellung

Zusammenfassung der Kernpunkte

  • Statische spinopelvine Parameter im Stehen: Normal bei Adipositas
  • Entscheidend: Veränderte Sitz-Stand-Dynamik durch Weichteilimpingement
  • Bei BMI ≥40: Oberschenkel-Impingement als eigenständiger Luxationsmechanismus
  • Luxationsrisiko ca. 2-fach erhöht
  • Dual-Mobility-Pfannen sind effektiver als präoperative Gewichtsreduktion
  • Navigation verbessert Pfannenpositionierung signifikant

8. 📚 Literatur

  1. Buckland AJ et al. Obesity Alters Spinopelvic Alignment Changes From Standing to Relaxed Sitting. Arthroplasty Today 2020;6:194-199.
  2. Elkins JM et al. Morbid obesity may increase dislocation in total hip patients: a biomechanical analysis. Clin Orthop Relat Res 2012;470:3545-3553.
  3. Liu W et al. The influence of obesity on primary THA outcomes: A meta-analysis. Orthop Traumatol Surg Res 2015;101:289-296.
  4. Maisongrosse P et al. Obesity is no longer a risk factor for dislocation after THA with a double-mobility cup. Int Orthop 2015;39:1251-1255.
  5. Hernigou P et al. Dual-mobility implants prevent hip dislocation following revision in obese patients. Int Orthop 2017;41:469-473.
  6. Liu G et al. Does obesity affect acetabular cup position, spinopelvic function and sagittal spinal alignment? J Orthop Surg Res 2021;16:642.
  7. Nakai T et al. Poor spinal alignment in females with obesity: The Yakumo study. PLoS One 2020;15:e0238034.
  8. Rodriguez-Soto AE et al. The impact of BMI and central obesity on spino-pelvic parameters. Eur Spine J 2013;22:878-883.
  9. Vistisen HCS et al. Effect of Obesity on Prosthesis Positioning in THA. Arthroplast Today 2025;33:101696.
  10. Sharan M et al. Obesity does not influence acetabular component accuracy with 3D optical navigation. J Clin Orthop Trauma 2021;14:40-44.